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Paul Auster
Disappearances/Vom Verschwinden
Zweisprachige Ausgabe: Englisch / Deutsch

Rowohlt
2001
256 Seiten
DM 25,-


Von Volker Frick am 23.04.2001

  „It takes time for the dust to settle, and every writer has to be prepared to listen to a lot of stupidities when his work is discussed.” (Paul Auster: The Art of Hunger. New York 1993, S. 303)
  Übersehen wir die Filme, so wurde der Amerikaner Paul Auster als Romanschriftsteller bekannt.
  Und neben seinen Romanen und Rezensionen, den Übersetzungen, Essays und Vorworten hat Paul Auster fünf Gedichtbände publiziert, der Vollständigkeit halber: „Unearth“ (1970), „Wall Writing“ (1976), „Fragments from Cold“ (1977), „White Spaces“ (1980) und „Facing the Music“ (1980). Lang ist’s her. Sieben Gedichte aus „Facing the Music“ erschienen 1990, aus dem Amerikanischen übertragen von Martin Zingg, in der bekannten wohlfeilen Literaturzeitschrift „Akzente“, und das Gedicht „Narrative“ 1995 in einer wohlfeilen Übertragung in der unbekannten (und schon lange nicht mehr erscheinenden) Literaturzeitschrift „Chiffre“. Die nun zweisprachige Gedichtsammlung „Disappearances“ erschien im Original 1990 und ist eine Auswahl aus den genannten Bänden. Nun erreichen Romane ein größeres Publikum als Gedichte, doch auch Paul Auster hat so begonnen. Und wie wir es aus seinen Romanen in unzähligen Variationen kennen, so finden sich auch in seinen Gedichten erzählerische Spiegelspiele. Die erste Person bietet dem Leser eine Übereinkunft an: „Ich bin nicht mehr hier. Nie habe ich gesagt,/ was du mir/ nachsagst.“ („Weiße Nächte“), und wie wir es aus seinen Romanen kennen, ist auch hier die Summe der oszillierenden Identitäten das schreibende Subjekt selbst, und auch nicht.
  In der „New-York-Trilogie“ heisst es an einer Stelle: “...ich will nur sagen, dass eine Zeit kam, in der es mich nicht mehr erschreckte, zu betrachten, was geschehen war. Wenn Worte folgten, so nur deshalb, weil ich keine andere Wahl hatte, als sie zu akzeptieren, sie auf mich zu nehmen und zu gehen, wohin sie wollten, dass ich ginge.”
  In „Die Erfindung der Einsamkeit“ zitiert Paul Auster Maurice Blanchot mit den Worten: “Eins muss klar sein: ich habe nichts Ungewöhnliches, nicht einmal etwas Überraschendes gesagt. Das Ungewöhnliche beginnt in dem Augenblick, da ich aufhöre. Aber ich bin nicht mehr fähig, davon zu sprechen.”
  Sprache, doch eigentlich konstituierendes Moment von Individualisierung, geht fehl. „Alles was ich sagen kann, ist dies: Hören Sie mir zu. Mein Name ist Paul Auster. Das ist nicht mein richtiger Name“, („Stadt aus Glas“). Den Tod des Autors hatte Roland Barthes konstatiert, was blieb ist Sprache, und die Nichtverantwortlichkeit des Autors, da der Schreibende selbstreflektierend dem Ich vermittels der Sprache nicht auf die Spur kommt. ‚Ich’ ist ein anderer, und es braucht einen anderen, mich zu sehen, mich zu sagen. Wer bin ich? Diese Frage eint das Personenensemble im Œuvre Austers. Eine Frage, untrennbar vom Rückgriff auf den ‚Anderen’. Ich, ich muss die anderen verstehen, damit sie mir die Möglichkeit geben, mich zu verstehen und mich so zu sehen, wie sie mich sehen. Aber dieser Blick auf die anderen sieht eine Reihenfolge von Rollen: der ‚Andere’ ist nie der, der ihn spielt. Ich bin der, den ich nicht spiele, doch die Welt ist Bühne. ‚Ich’ heisst immer der andere. In dieser Welt der Masken findet sich eine illusorische Intimität. Man sucht eine Identität, und man findet sie nicht in provisorischen Rollen. Ist da ein Gesicht hinter der Maske, eine Persönlichkeit hinter der Person? Man versteht die Wichtigkeit, nicht nur der Einsamkeit im Zentrum der ersten Romane von Auster, sondern auch die asketische Bewegung seines Ensembles. So findet sich bei Auster das ‚Ich’ wieder, da, wo es nicht ist, als Unmöglichkeit der Einzigartigkeit von Individualität zur Sprache zu verhelfen.
  Diesseits der Transzendenz, im Jenseits der Sprache nicht. „Alles vergessen. Fenster öffnen. Die Zimmer leeren. Der Wind durchbläst es. Man sieht nur die Leere, man sucht in allen Ecken und findet sich nicht.“ schrieb Franz K. am 19. Juni 1916 in sein Tagebuch.
  “Wir verfügen über keine andere Wirklichkeit als über die, die uns die Bücher zutragen”, schrieb Edmond Jabès. Was bleibt angesichts der Unmöglichkeit die Einzigartigkeit von Individualität vermittels der Sprache darzustellen sind Bilder, Metaphern. Und bei Paul Auster sind es jene der Bewegung und des Raumes, der Askese und der Isolation, und sie münden in Leere, am Rande nicht des Nervenzusammenbruchs, sondern jenem der physischen Existenz. So ist der Titel zu verstehen: „Vom Verschwinden“ – deutsch von Werner Schmitz, der neben den meisten Romanen von Paul Auster auch MAO II von Don DeLillo übersetzte. Und wenn der Klappentext auf der Rückseite des Buches mit „spielerischer Intellektualität und philosophischer Gedankentiefe“ wirbt, dann ist nur letzteres wahr, verschweigt aber die fast religiöse Dimension vieler dieser Gedichte, die Auslegung der Welt mittels der Worte, die Berufung der Sprache zur Anrufung. “Denn dies ist die Funktion des Erzählens: jemandem eine bestimmte Sache vor Augen zu halten, indem man ihm eine andere zeigt” lasen wir in „Die Erfindung der Einsamkeit“. Erinnerung. Emanuel Lévinas schrieb: “Sie kennt den Inhalt der Verstecke, die sie nicht öffnen kann, und bewahrt die Schlüssel zerstörter Türen auf.”
  Gehen wir nach Paris, 1971. Paul Auster lebt in dieser Stadt, Samuel Beckett noch in der Nähe. So wie Becketts „Proust“-Essay als Ausdruck seiner Poetik rezipiert werden kann, so dies auch für Auster im vorliegenden Band gelten mag für jene prosaische Verdichtung mit dem schönen Titel „Weiße Räume“. Da die Gedichte nun zweisprachig vorliegen, gilt es das Haupt zu neigen vor dem Übersetzer, denn, sicherlich nicht einfach, ist es ihm gelungen, durchgängig unkonzentriert seiner Handwerkskunst sich punktuell wieder und wieder zu entsagen, oder, wie Edmond Jabès denn auch schrieb: “Jeder Grenzlinie ihren Punkt.” Zu neigen aber auch das Haupt vor einem deutschen Verlag, dem vorzuhalten die Ausschlachtung eines seiner Autoren, einem selbst recht kopflos erscheint.
  Vielfach gebrochen sind die Gedichte Austers eine ausgedehnte Meditation über die Zeit (vom Tod als integralem Bestandteil des Lebens) und über die Unmöglichkeit in unserer Zeit Gedichte zu schreiben. Gerade darob ist das Verschwinden des Autors in diesen seinen Gedichten ein unverdünntes Bekenntnis und Beispiel für die zeitgenössische Dichtung Nordamerikas. Die Zukunft ist schon geschrieben und ebenso unwandelbar wie die Vergangenheit. Jedes zukünftige Ereignis ist auch gegenwärtig. Eine ausgedehnte Meditation. Ein Buch für die Manteltasche. Sommer? – Auster!

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