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Rolf Gundlach
Der Pharao und sein Staat
Die Grundlegung der ägyptischen Königsideologie im 4. und 3. Jahrtausend

Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt
1998
320 Seiten
DM 98,-


Von Alfred Ohswald am 22.03.2001

  Grundlach beschäftigt sich hier mit der Entwicklung und Funktion des Königtums im Ägypten bis zum Ende der 6. Dynasie (2196 v. Chr.). Dabei bezieht er auch die Vorgeschichtliche Zeit mit ein, soweit die aufgrund der wenigen Funde und Überlieferungen möglich ist. Aber dieses Problem stellt sich für fast die gesamte behandelte Zeit. Gerade zu Cheops z.B. ist trotz der weltberühmten Pyramide sehr wenig bekannt.
  Grundlach behandelt z.B. sehr ausführlich die Titulaturen aller Pharaonen, die eine Art Regierungsprogramm darstellen, und zieht daraus seine Schlüsse. Vieles sind natürlich nur Thesen, weil eine weitergehende Überprüfung meist nicht möglich ist.
  Der Pharao begründet seinen Anspruch in erster Linie in seiner Funktion als Sohn des Sonnengottes Re und hatte dessen Handlungen als aktiver Part auf Erden zu erfüllen. So war er dafür zuständig, mittels kultischer Handlungen z.B. den täglichen Lauf der Sonne zu garantieren. Aber auch die verstorbenen Pharaonen hatten im Jenseits noch wichtige Aufgaben und Kulthandlungen zu tätigen, was die teilweise gewaltigen Grabanlagen verständlich macht. Ganze Nekropolen mussten auf der einen Seite den Priestern ermöglichen, für das Wohlergehen des toten Pharao zu sorgen und andererseits diesem alle nötigen Örtlichkeiten und Gebäude für seine unabdinglichen Kulthandlungen zur Verfügung stellen.
  Aus den Unterschieden bei den Nekropolen, die manches Mal die einzigen, übriggebliebenen Zeugnisse sind, schließt Gundlach auf Veränderungen in der Funktion und dem Selbstverständnis des ägyptischen Königtums des Alten Reiches. Diese Nekropolen benötigten auch eine große Zahl an steuerbefreiten Priestern zum Betrieb und Resourcen und Arbeiter zur Erbauung, die oft mit kriegerischen Expeditionen aus den Nachbarländern beschafft werden mussten. Zusammen mit dem ausufernden Beamtentum und der langsam abnehmenden Bedeutung des Pharao als Gott schuf das die Voraussetzungen für das Ende des Alten Reichs.
  Fundiert und oft mit Grafiken unterstützt, stellt Gundlach diese langsame Entwicklung dar. Das Buch ist kaum für nur oberflächlich interessierte Laien geeignet und stellt mit seinen Detailanalysen schon gewisse Ansprüche an den Leser. Dafür macht es auch gewisse Dinge verständlich, die bei manchen populärwissenschaftlichen Büchern nicht so klar werden. Etwas mehr Mühe des Lektorats wäre abgebracht gewesen, weil sich doch einige abenteuerliche Satz- und Schreibfehler eingeschlichen haben.

Von Gitta Warnemünde am 22.07.2001

  Der Autor Rolf Gundlach studierte Ägyptologie, Altorientalistik und Semitistik. Seit 1983 ist er Ordentlicher Professor für Ägyptologie in Mainz.
 
  Gundlachs Buch ist für mich eines der ungewöhnlichsten Werke ägyptologischer Fachliteratur. Es beleuchtet beinahe ausschließlich die politischen und wirtschaftlichen Aspekte des antiken Ägypten, von der Staatsgründung um 3800 v.Chr. angefangen bis etwa 2200 v.Chr., also bis zum Ende der 6. Dynastie und des Alten Reiches. Theologische Aspekte, die in Ägypten untrennbar mit dem Königtum verbunden waren und auch in diesem Buch ihre herausragende Rolle einnehmen, dienen hier vornehmlich zur Erklärung der einschlägigen Zusammenhänge. Modern ausgedrückt könnte man fast von einer volks- bzw. betriebwirtschaftlichen Abhandlung über den ägyptischen Staat und seine Institutionen sprechen. Dieser Eindruck wird verstärkt durch eine Reihe von "Organigrammen", mit denen Gundlach die komplexen und auch komplizierten politischen, theologischen und ideologischen Strukturen und Abhängigkeiten sichtbar macht.
 
  Der geschichtliche Überblick wird, angefangen von den Ursprüngen des Königtums und der Vater-Sohn-Beziehung wie ihn der Osiris-Mythos wiederspiegelt, Dynastie für Dynastie durchgearbeitet unter Verwendung einer bedeutenden Anzahl von Belegen, darunter so berühmte wie die Narmer-Palette, die Narmer-Keule oder die Keule des Skorpion II, aber auch Siegel, Etiketten, Elfenbeintäfelchen, Grablegen u.v.m. Eine überaus interessante Betrachtung ist die Herleitung programmatischer Aussagen von der Königstitulatur im Allgemeinen und am Beispiel einzelner Herrscher, sozusagen als deren "Stellenbeschreibung". Schließlich behandelt das Buch in einzelnen Kapiteln die sich zunehmend verändernde Königsideologie der 3. bis 6. Dynastie: Trennung des diesseitigen und jenseitigen Königtums, zunehmende Aspektevielfalt des Königtums (Sonnengott auf Erden, Regent, Herr der Administration), Veränderungen in den Tempelinstitutionen von der reinen Kultstätte bis zur steuerbefreiten Versorgungsmaschinerie der Pyramidenstädte usw. Den Abschluß des Buches bildet die Frage nach dem Warum. Warum brach der Staat und mit ihm das Alte Reich Ägyptens zusammen? Ein kurzer Versuch, das Phänomen zu analysieren - unter Einbeziehung der unterschiedlichen Expertenauffassungen, wie Gundlach überhaupt in vielfältiger Weise die Erkenntnisse seiner Wissenschaftskollegen würdigt und integriert..
 
  Diese kurze inhaltliche Wiedergabe von Gundlachs Buch mag einen äußerst trockenen Stoff erwarten lassen. Erstaunlicherweise empfand ich ihn als das genaue Gegenteil, denn die Kapitel sind auch durchzogen von anschaulich geschilderten großen und kleinen (gut belegten) historischen Begebenheiten, die der Verdeutlichung so mancher Schlußfolgerung dienlich sind. Der Leser sollte allerdings kein absoluter Laie auf dem Gebiet der Ägyptologie sein. Dann erhält er mit dieser sehr empfehlenswerten Lektüre einen tiefen Einblick in Königtum und Politik des Staatsgebildes Ägypten zur Zeit des Alten Reiches.

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