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Harald Kollegger
Sommerholz
(2001)

Haymon
281 Seiten
DM 39,90


Von Alfred Ohswald am 20.03.2001

  Donat Etsch bringt seiner Tochter ein Fahrrad als Geschenk mit nach Hause, weil er wegen ständiger, lautstarker Streitereinen mit seiner Frau ein schlechtes Gewissen hat. Und ausgerechnet mit diesem Fahrrad erleidet sie einen tödlichen Unfall. Damit geht auch seine Ehe entgültig in die Brüche und Donat irrt ziemlich aus der Bahn geworfen durchs Leben.
  Eines Tages kontaktiert ihn der Ehemann einer Jugendfreundin, und erzählt von ihrem Verschwinden. Sie wurde durch eine Intrige gekündigt, und er vermutet, dass sie sich dafür gewalttätig rächen will. Donat soll ihm helfen, sie zu finden und von ihrem Vorhaben abzuhalten.
  Obwohl er ablehnt, wird er in die Sache hineingezogen und landet nach turbulenten Ereignissen und einer Flucht vor Leibwächtern und Polizei bewusstlos und verwundet im Hause eines wohlmeinenden Mannes der ihn nicht nur versorgt, sondern auch vor der Öffentlichkeit versteckt. Donat hat eine psychische Störung abbekommen und sein Wohltäter versucht ihm, neben der Vorbereitung für seine Verteidigung vor Gericht, auch da zu helfen. Wobei ihm seine Nichte, die sich in Donat verliebt hat, tatkräftig zur Seite steht.
 
  Kollegers Roman wirkt durch die zahlreichen, ziemlich ungewöhnlichen Figuren und auch die Handlung und den Stil oft regelrecht surrealistisch. Obwohl das Buch meist aus der Sicht der gerade erzählenden Figur und starker Einbeziehung ihrer inneren Gedanken und Phantasien geschrieben ist, bleibt immer eine gewisse Distanz und Fremdheit zu ihnen bestehen. Psychische Befindlichkeiten und Störungen, Träume und Emotionen stehen deutlich im Vordergrund gegenüber der Handlung. Die irgendwann immer kurz auftauchende, lange geheimnisvoll bleibende Ledwina ist dafür ein Extrembeispiel. Man erfährt als Leser kaum etwas über Äußerlichkeiten, wie das Aussehen von Personen, Gegenständen oder Landschaften, sondern ist ständig in deren Gedanken unterwegs.
  Der Autor ist Neurologe und Psychiater, und das merkt man dem Roman schon sehr stark an. Der Verdacht, dass er einige ihm aus seiner beruflichen Tätigkeit bekannte, seltsame psychische oder neurologische Krankheiten hier geschickt verarbeitet, liegt da natürlich nahe.
  Manche Sätze sind etwas zu abenteuerlich konstruiert und das eine oder andere Fremdwort weniger hätte auch nicht geschadet. Trotzdem bleibt der Text durchaus gut lesbar und es ist sicherlich auch eine Frage das Geschmacks. Aber ein Satz wie „Den Versuch der überoptimistischen Physiker, wie mir Zaff erzählt hat, eine sogenannte Theorie über Alles aufzustellen, stehen die jammervollen Aktivitäten der Misstrauischen gegenüber, als Ausdruck des Partisanenkrieges der Seele gegen sich selbst“ ist schon ein ziemliches Ungetüm.
  Ungewöhnlich ist auch, dass der Haupterzähler ab Sommerholz plötzlich nicht mehr Donat ist, sondern sein Wohltäter diese Rolle übernimmt. Ungewöhnlich sind auch die Namen der Protagonisten, wie z. B. „Frau Freuchen“ oder „Tutilo Schmaranzer“. Mit dem Kunstgriff, seinen Roman etwas in der Zukunft spielen zu lassen, ermöglicht sich Kollegger eine elegante Möglichkeit auf kritische oder humorvolle Seitenhiebe, sozusagen im Vorbeigehen.
  Am besten ist der Schluss gelungen, wo das Fiasko in der Rückschau aus der Sicht verschiedener Personen erzählt wird.

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