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Jean-Philippe Toussaint
Fernsehen

Suhrkamp
2001
191 Seiten
DM 17,90


Von Volker Frick am 14.03.2001

  Er war 1973 Juniorweltmeister im Scrabble. Zehn Jahre später schreibt er seinen ersten Roman „Das Badezimmer“.
  Während dieser Zeit ist er in Médéa, Algerien, als Französischlehrer tätig um dem Militärdienst zu entgehen. Der Roman „Monsieur“ erscheint. Später wird „Das Badezimmer“ verfilmt. Danach erscheint der Roman „Der Fotoapparat“, währenddessen „Monsieur“ verfilmt wird, unter seiner Regie. In Madrid schreibt er den Roman „Der Köder“. „Der Fotoapparat“ wird von ihm verfilmt. In Berlin dreht er den Film „Berlin 10H46’“. Dann Kyoto. Jüngst ist der Roman „Fernsehen“, übersetzt von Bernd Schwibs, in Deutschland erschienen.
  Ein Kunsthistoriker der krausen Art schaut kein Fernsehen mehr. Von heute auf morgen, nach dem Ende der Tour de France. Er ist in Berlin mittels eines Stipendiums, da er eine Studie über Tizian und Karl V. mit dem Arbeitstitel „Der Pinsel“ schreiben will und er deshalb nach Augsburg muss, obwohl es von Paris bis Augsburg auch nicht weiter ist als von Berlin aus. Seine Frau weilt in Italien mit den beiden Kindern, eins an der Hand, das andere unter dem Herzen (wie theatralisch), und da hat sie wenigstens die eine Hand frei, weil sie ja immer viele Taschen benötigt. Wahrnehmung. Unser Kunsthistoriker hat also den Titel seiner Studie, und den Anfang: ‚Als Tizian’. Wirklichkeit. Und er erzählt einem Bekannten, er schaue nicht mehr fern – war es nicht Nietzsche, der zuerst sprach vom ‚Fernsehen’? Aber der Bekannte sagt, schon seit Jahren nicht mehr, und seine Frau, der er diesen Entschluss, und nur als solcher stilisiert, mitteilt, sagt nur, ja, wir auch nicht so viel. Niemand schaut Fernsehen ausser ich. Er ist also in Berlin und das Pärchen über ihm bittet ihn nach den Blumen zu schauen, Reise, aber das fällt ihm erst drei Wochen später wieder ein. Ende der Botanik. Wenn der Bildschirm implodiert, dann gibt es Zeit für anderes. Sein Sohn fragt ihn am Telefon, warum er nicht kommt. Ein Buch schreiben. Fragt, wie es heissen wird. Gegenfrage: Wie würdest du es nennen? – Mimose.
  Zeit zu leben. Zu sehen statt fernzusehen. In einer Bibliothek ist jemand nett und schaut im Computer nach, unser Kunsthistoriker hält dann das Buch in der Hand, und das ist etwas anderes. Er geht an einen See in Berlin, nur nackte Menschen, und entkleidet sich (auch), nach und nach, um sich blickend, dann geht er ein paar Schritte, und unausweichlich trifft er seinen Stipendiumsbefürworter (ich benenn’ ihn mal so), an dessen Seite Cees Nooteboom. Big brother is watching you.
  Das Café Einstein, und Fensterputzen mit einem Printmedium. Asiatenzeit. Es ist Sommer. Es ist heiss. Ein Film braucht kein Publikum, er läuft auch im leeren Kino. Wenn die literarische Belegschaft diesen fünften Roman von Jean-Philippe Toussaint unter Medienkritik subsumieren würde, Wahrnehmung unterstellt, sie würde fehlgehen in der Annahme. Mittendrin, diesseits der Kategorien, versteht Toussaint es jenseits der Zeit zu erzählen: What will be will be.
  Wer viel fernsieht, sollte das Buch lesen. Dann kommen die Nachbarn aus dem Urlaub zurück und unser Kunsthistoriker hat gerade die Bilder seines Sohnes aus dem Briefkasten geholt, Küsschen Küsschen, und er trägt ihnen die Golfschläger nach oben, schreit, als ihm Sekt angeboten wird (weil mittlerweile ja ausser der Flasche Sekt auch noch der Farn im Kühlschrank steht), etwas zu laut Nein!, entschuldigt sich zur Toilette, klettert aus dem Badezimmerfenster durch das Küchenfenster – einfach filmreif, Slapstick.
  Er geht in Schwimmbäder (und vergleicht sie mit Bibliotheken), oder spazieren durch Berlin (in einem Museum sieht er die Gemälde auch, wenn auch kaum, auf den Bildschirmen der Videoüberwachung), und schaut abends aus dem Fenster und sieht in den Fenstern vieler anderer Wohnungen dieses gespenstisch flackernde Licht. Natürlich gibt es Momente, in denen er sich fragt, „aus welchen Gründen ich eigentlich aufgehört hatte fernzusehen.“ Und er sieht, ausgestattet mit einer feinen Beobachtungsgabe natürlich vieles mehr als die handbeschrifteten Etiketten auf den Videokassetten seiner Nachbarn. „Denn während Bücher, zum Beispiel, stets tausendfach mehr bieten als das, was sie sind, bietet das Fernsehen genau das, was es ist, seine essentielle Augenblickshaftigkeit, seine laufende Oberflächlichkeit.“

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