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Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus (Syrien)
als Kind einer christlich-aramäischen Familie geboren.
Zwischen 1965-1970 war er Gründer und Leiter der
Wandzeitung "Al-Muntalek" und wanderte 1971
aufgrund des ständigen politischen Drucks nach Deutschland
aus. Von 1971-1979 Studium der Chemie mit Promotion.
Seit 1973 veröffentlichte er Texte in
arabischer und deutscher Sprache in Zeitschriften und
Anthologien und war 1980 Mitbegründer der Literaturgruppe
"Südwind" und des PoLiKunst-Vereins. In
der Zeit von 1980-1983 war er Mitherausgeber und Autor
der Reihe "Südwind-Gastarbeiterdeutsch"
und von 1983-1985 Mitherausgeber und Autor der Reihe "Südwind-Literatur".
Seit 1982 ist er freier Schriftsteller und
veröffentlichte zahlreiche Bücher, u. a. "Der
Wunderkasten", "Der ehrliche Lügner",
"Erzähler der Nacht", "Das letzte
Wort der Wanderratte", "Das ist kein Papagei",
"Reise zwischen Nacht und Morgen", "Loblied
und andere Olivenkerne", "Mit fremden Augen",
"Eine Hand voller Sterne", "Milad",
"Der Fliegenmelker", "Die Sehnsucht fährt
schwarz", "Der geheime Bericht über den
Dichter Goethe" (zusammen mit Uwe-Michael Gutzschhahn),
"Sieben Doppelgänger", "Die Sehnsucht
der Schwalbe", "Damaskus", "Angst
im eigenen Land", "Die Farbe der Worte"
(zusammen mit Root Leeb) und "Die dunkle Seite der
Liebe".
Sein Werk ist in 23 Sprachen erschienen.
Er wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis,
dem Hermann-Hesse-Preis, dem Prix de Lecture, Thaddäus-Troll-Preis
und zuletzt mit dem Hans-Erich-Nossack-Preis ausgezeichnet.
Seit 2002 ist er Mitglied der Bayerischen Akademie der
Schönen Künste.
Herr Schami, was bewegt einen fünfundzwanzigjährigen
jungen Mann, die Heimat zu verlassen und wie reagierten
ihre Familie und ihre Freunde auf diese Entscheidung?
Ich hatte nicht so viele Alternativen. Ich
musste erzählen und wusste nach mehreren Konfrontationen
mit dem Zensor, dass ich in Damaskus, meiner geliebten
Stadt, nicht bleiben kann. Ich wäre im Gefängnis
oder in der Psychiatrie zugrunde gegangen. Meine Familie
und Freunde reagierten entsetzt. Mein großer Schmerz
war die Trennung von meiner Mutter, die tagelang geweint
hat und immer tapfer lächelte, wenn sie mich erblickte.
Dieser Verlust war und ist für mich der Grund meiner
unnachgiebigen Haltung gegen alle arabische Diktaturen
samt ihrer Liga.
Warum entschieden sie sich für Deutschland,
spielte dabei die Sprache eine Rolle oder dachten sie
zu dem Zeitpunkt noch nicht ernsthaft an eine Fortsetzung
ihrer schriftstellerischen Tätigkeit?
Es war ein purer Zufall. Ich musste innerhalb
drei Monaten das Land verlassen, sonst wäre ich von
der Armee eingezogen worden. Ich wollte eigentlich nach
Paris, aber die Franzosen waren sehr langsam mit den nötigen
Formalitäten. Ich schrieb an die zwanzig Bewerbungen
für einen Studienplatz von Australien bis Kanada.
Die Heidelberger Universität war die schnellste.
Mit der Zulassung konnte ich mein Land legal verlassen.
Ich konnte kein Wort Deutsch. Meine Schulsprachen waren
Englisch und Französisch. Ich dachte mir, ich werde
die deutsche Sprache lernen und dann weiter nach Paris
reisen, doch die Atmosphäre in Heidelberg hat mir
sehr gefallen. Und ich bin - Gott sei Dank - hier geblieben.
Ihre ersten Veröffentlichungen in
Deutschland scheinen Kinder- und Jugendbücher gewesen
zu sein. Wurden diese nur zuerst von den Verlagen angenommen
oder schrieben sie zu dieser Zeit hauptsächlich für
ein junges Publikum?
Das stimmt nicht ganz. Meine ersten Veröffentlichungen
waren in kleinen Verlagen für Erwachsene (Der Neue
Malikverlag, Kiel und Das arabische Buch, Berlin). Der
Erfolg war aber im Vergleich zu den anderen Büchern
bescheiden. Ich habe nie im Leben gedacht, dass "Eine
Hand voller Sterne" und "Erzähler der Nacht"
für Jugend geeignet sind. Ich habe sie etwa 30 Verlagen
angeboten und die Ablehnungen habe ich bis heute in einem
Ordner mit dem Etikett "Freundliche Ablehnungen".
Dann hat der Beltz-Verlag die Bücher
angenommen und so etwas wie Extra-Edition für meine
Bücher gemacht. Der Erfolg hat ihn belohnt. Eine
Hand voller Sterne trägt die meisten Literaturpreise,
die je ein Buch seit der Gründung der Bundesrepublik
bekommen hat und mit Erzähler der Nacht landeten
der Verlag und ich einen Welterfolg(in 23 Sprachen übersetzt
und einer Gesamtauflage von über 1 Million).
Bei ihrem zuletzt erschienen Roman "Die
dunkle Seite der Liebe" entsteht der Eindruck, er
sein ihr vorläufiges "Meisterstück",
auf das viele ihrer bisherigen Bücher eine Art Prolog
waren. Entsteht nach einem solchen umfassenden "Schwergewicht"
nicht auch eine gewisse Leere nach der Vollendung?
Nein, das ist nicht ganz richtig. Mein Roman
ist mein Geheimprojekt aber jedes Werk entwarf ich als
Kunstwerk. Auch die kleinste Bilderbuchgeschichte habe
ich mit dem Ernst geschrieben, dass sie ein einmaliges
Kunstwerk wird. Aber Wille ist etwas und Resultat ist
etwas anders. Die Nachwelt wird allein entscheiden welches
Werk ein Meister und welches ein Lehrlings- oder Gesellenstück
war.
Nun zum Loch oder Leere nach großen
Werken: Sie könnte entstehen, wenn ich nicht diese
phantastische Frau, Root Leeb, an meiner Seite hätte
und auch nicht die Tournee mit 98 Auftritten, bei der
ich jeden Abend ein Unikat als freie Erzählung liefere.
Meine Fanpost habe ich noch nicht erwähnt und die
allein braucht zwei Schriftsteller.
Beim Erzählstil von "Die dunkle
Seite der Liebe" denkt man zuerst an 1001 Nacht,
liegt darin eine Absicht oder ist das nur eine recht typische
Art des Erzählens im Orient?
Ich bin ein Schüler der Schehrazade,
aber bei diesem Roman habe ich eine eigene Form erfunden,
die nicht Teppich-, sondern Mosaikmuster trägt. Der
Unterschied ist groß: Hier werden die Geschichten
sehr knapp und konzentriert erzählt und die Poesie
kommt erst durch das gesamte Bild. Hätte ich üppig
erzählt hätte ich über 2000 Seiten gebraucht
und da wäre das Werk ermüdend. Aber die Erzählweise
bleibt nahe bei mir und meiner Meisterin. Sie trägt
die Merkmale einer mündlichen Erzählkunst, die
wenig Platz für Psychologie und Porträt lässt
und eher eine spannende Unterhaltung bevorzugt. Die Personen
sind wichtig aber sie stehen nicht im Mittelpunkt. Darin
unterscheidet sich mein Roman "die dunkle Seite der
Liebe" von den europäischen Romanen.
Ihre Romane vermitteln den Eindruck,
dass die orientalische Gesellschaft trotz vieler rigoroser
Regeln die westlichen Industrieländer samt ihrer
Freizügigkeit bei der Lebensfreude, auch im Bereich
Sexualität, eher überbieten. Irgendwie erinnert
das an die Zeit vor der Pille hier im Westen. Ist das
vielleicht der berühmte Druck im verschlossenen Kochtopf?
Ja, aber alles geschieht im verborgenen.
Arabien ist eher mit den USA als mit Europa vergleichbar.
Auf der einen Seite öffentlich verkrampfte Sexualität
und auf der anderen Seite der größte Markt
für Pornografie.
Kaum ein Land des Orients zeigt deutliche
Zeichen des Aufbruchs in Richtung Aufklärung und
Demokratie. Ist dieser Eindruck von außerhalb nur
die halbe Wahrheit?
Nein, und weder Amerikaner noch Engländer
werden mit ihren Waffen daran etwas ändern können.
Die einzigen die das können sind die Araber selbst.
Es gibt auch die Meinung, der Westen
solle nicht versuchen, fremden Kulturen unbedingt seine
Wertvorstellungen aufzuzwingen. Halten sie diesen Standpunkt
für richtig oder gibt er in der Praxis den totalitären
Machthabern doch nur den Freibrief für Unterdrückung
und Menschenrechtsverletzung?
Das ist etwas geheuchelt und etwas schizophren.
Was heißt westliche Wertvorstellungen? Die westliche
Lebensart ist nun weltweit herrschend. Die Islamisten
und Diktaturen in Arabien gebrauchen vom Aufwachen bis
zum Einschlafen westliche Güter und schreien gegen
den Westen. Einzig Demokratie und Freiheit wollen sie
nicht zulassen und beschimpfen sie als Dekadenz. Handy,
Computer, Uhren, Radio, Medikamente, Druckereien, Fernsehen,
Panzer und Folterinstrumente importieren sie gerne.
Es gibt da und dort positive Utopien, vor
allem unter den radikalen Sufis wie dem irakischen Denker
Hadi al Alawi, die es befürworten, einen eigenen
Beitrag zur Zivilisation zu liefern, bei dem Demokratie
und Freiheit nach Modellen funktionieren sollten, die
im 10. und 11. Jahrhundert in Arabien existierten, aber
all diese Denker gaben bisher keinen konkreten Entwurf,
der Moderne und Tradition gerecht wird und nicht westlich
ist.
Der Westen soll sich mehr einmischen aber
nicht heuchlerisch, erst Saddam Hussein und den anderen
Diktaturen Giftgas, Folterexperten und Waffen liefern
und dann einmarschieren. Sondern der Westen, vor allem
Europa, sollte Arabien als Nachbar am Mittelmeer achten
und die dortige Opposition unterstützen, wie er es
erfolgreich in Osteuropa gemacht hat. Das war einmalig
und Osteuropa hätte nie im Leben die Freiheit errungen
ohne die tatkräftige und großzügige Hilfe
Westeuropas.
Zuletzt natürlich die Frage nach
ihrem nächsten Buch. Haben sie schon etwas in Arbeit
oder in Planung?
Nein. Erst muss ich meine Tournee erfolgreich
durchführen. Mein Lieblingssprichwort lautet: man
kann nie zwei Wassermelonen in einer Hand tragen.
Herzlichen Dank für das Interview! Und
weiterhin viel Erfolg!
Von Alfred
Ohswald am 9. 11. 2004
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