|
Sibylle Dussy, geboren 1970 in Basel, Schweiz,
Freie Journalistin mit Schweizer Berufsregistereintrag,
Fachgebiet Internet, Neue Medien und New Publishing. Warf
nach der Matura einen kurzen Blick aufs mathematische
und physikalische Universitätsleben und absolvierte statt
dessen eine einjährige Direktionsassistentinnen-Schule;
arbeitete sechs Jahre als Abteilungsdrache und PC-Anwender-Guru
in einer Schweizer Grossbank, stieg parallel dazu auf
der Redaktion eines Internet Magazins ein; seit 1998 Freie
Journalistin und Studentin der Anglistik, Informatik und
Computerlinguistik in Zürich; schreibt seit ihrer Jugend
Romane und gründete 1999 den Dussy Verlag, um ihre eigenen
Werke zu publizieren. Veröffentlichungen "Tränen auf Asphalt",
1999, unter dem Pseudonym Raven St. Jacques sowie "Der
Verrat der Fremden", 2001, unter eigenem Namen. Nimmt
sich gegenwärtig ein Jahr berufliche "Auszeit", um sich
auf das Schreiben zu konzentrieren, und rezensiert nebenbei
Bücher für das Kundenmagazin von BoD (www.bod.de),
damit der Kühlschrank nicht ganz leer ist.
Interview (per eMail) mit Sibylle Dussy:
Ihr erster Roman unter dem Pseudonym Raven
St. Jacques spielt zu großen Teilen im Milieu der Straßenkinder
und des Balletts. Spielten bei einem der Beiden persönliche
Erfahrungen oder welche von Bekannten eine Rolle? Recherchierten
Sie in diesem Umkreis oder ist alles schriftstellerische
Imagination?
Von allem ein bisschen. Ich habe als Teenager
mehrere Jahre lang Ballett trainiert, bis mir eine langwierige,
an sich eher harmlose Krankheit unglaublich an die Substanz
ging und ich nicht mehr die Kraft hatte weiterzumachen.
Aus dieser Zeit ist einiges hängengeblieben ... Träume,
Eindrücke, auch Düfte und Gerüche. Viele dieser Erinnerungen
fliessen in meine Starside-Romane ein - dies allerdings
beim ersten ("Tränen auf Asphalt") noch nicht so deutlich,
da er nur teilweise am Starside-Theater spielt.
Die dunkle Seite des Romans entstand nebst
dem Recherchieren aus einem Puzzle an Einflüssen. Eigentlich
hätte mein bisheriges Leben ziemlich langweilig ausfallen
sollen, da ich aus einer normal-bürgerlichen Familie stamme
und einen eher konservativen Freundes- und Kollegenkreis
pflege. Unter diesen Menschen befindet sich jedoch u.
a. ein Drogentoter sowie ein Mordopfer.
Der Mord hat mich seinerzeit stark mitgenommen
und verändert. Plötzlich war jemand nicht da, wo diese
Person zu einer bestimmten Zeit hätte sein sollen. Dann
rief die Polizei an, informierte über das Verbrechen und
führte Befragungen durch. In so einem Augenblick beginnt
ein unglaubliches Karussell an Reaktionen und Gefühlen.
Nach dem Überwinden der Trauer/Traurigkeit war Wut auf
den Mörder bei mir das vorherrschende.
Damals entstand auch die endgültige Version
meines Erstlings "Tränen auf Asphalt", in dem noch viel
von dieser Wut zu spüren ist. Meine Protagonisten sind
einerseits Opfer, andererseits versuchen sie, sich zu
wehren und sich durch drastische Vergeltungsmassnahmen
aus ihrer Passivität und Abhängigkeit zu befreien. Dass
ich ihre Geschichte überzeichnet und in teilweise bitterbösem
sprachlichem Stil dargestellt habe, hatte einen unerwarteten
Nebeneffekt. Für viele Leser ergibt sich aus dieser Kombination
rabenschwarzer Humor. Insofern basiert "Tränen auf Asphalt"
dann doch wieder grösstenteils auf schriftstellerischem
Seemannsgarn.
Mein Fantasyroman "Der Verrat der Fremden"
ist übrigens auch in jener Zeit entstanden und das Yin
zum Yang meines Starside-Erstlings. Durch das Verfassen
der Fantasygeschichte habe ich mir gewissermassen selbst
Hoffnung gemacht. Insofern mögen mir die Leser das "allzu
lang ausgewälzte Happy End", wie Sie in Ihrer Rezension
schreiben, verzeihen.
Bei Ihrem Fantasyroman "Der Verrat der
Fremden" fallen unter anderem besonders die seltsamen
Haustiere, die "Irrfitzins" als wirklich originelle Idee
auf. Gab es dafür ein Vorbild oder eine Anregung?
Die Irrfitzins waren ein Geistesblitz, über
den ich selbst manchmal lachen muss. Ein einzelnes Vorbild
gab es nicht. Er ist so etwas wie die Symbiose (der Unarten)
aller denkbaren Haustiere.
Unser Familienhund beispielsweise, ein Sheltie
(sieht aus wie ein Collie, ist aber nur kniehoch), kam
mit drei Monaten zu uns und wir dachten schon: "Oh je,
das gibt ein Theater, bis sie sich bei uns eingewöhnt
hat, die Nacht durchschläft und frisst." Nun ja ... Kurz
nachdem meine Eltern Bessie beim Züchter abgeholt hatten,
stellten wir ihr Futter hin. Sie schlang alles hinunter,
rülpste einmal lautstark und schlief auf meinem Schoss
liegend ein. Soviel zum Thema Trennungsschmerz bei gewissen
Welpen und der Fressucht von Irrfitzins. Die Besitzer
von Siamkatzen dürften ihre Schützlinge hingegen im Jammern
und der liebenswerten Aufdringlichkeit wiederfinden, etc.
Für "Tränen auf Asphalt" haben Sie ja
bereits eine Fortsetzung angekündigt, was auch schon der
Untertitel "Ein Starside-Roman" vermuten lässt. Werden
Sie auch weitere Fantasyromane unter Ihrem richtigen Namen
schreiben? Und werden welche wieder in der Welt von "Der
Verrat der Fremden" spielen? Oder wollen Sie lieber die
Freiheiten, die Ihnen andere Fantasyhintergrundwelten
bieten, nutzen?
Ich arbeite derzeit an der Fortsetzung zu
"Der Verrat der Fremden". Diese war nicht vorgesehen,
bis meine guten Absichten wieder einmal einer konzeptionellen
Idee zum Opfer fielen. Die Fortsetzung, Arbeitstitel "Die
Bibliothek des Himmels", wird Joshi aus seinem Land hinaus
in die Fremde führen.
Da die Welt von "Der Verrat der Fremden" solide
konzipiert ist, wäre es grundsätzlich schade, sie nicht
weiterzuentwickeln. Mir ist es jedoch wichtig, dass dies
nur in Verbindung mit einer guten Story passiert. Übertrieben
gesagt, möchte ich nicht auf das Niveau kommen: Band 3
- Joshi hat die Masern; Band 4 - Asjaduras Familie kommt
zum Kaffeeklatsch. Mein diesbezügliches Schreckbild ist
Robert Jourdan mit seiner "Wheel of Time"-Series. Ich
persönlich glaube nicht, dass man einen Kampf gegen das
Böse auf inzwischen bald 9'000 Seiten ausbreiten sollte.
Tad Williams "Memory, Sorrow and Thorn"-Trilogie (ca.
3'000 Seiten) fand ich beispielsweise ausgezeichnet. Die
Länge gewisser Beschreibungen und Handlungsfäden befindet
sich trotzdem hart an der Schmerzgrenze, selbst für Vielleser.
Ich werde in Zukunft sicher weitere Fantasybücher
schreiben, die in neuen Welten spielen. Mit der Arbeit
an der Fortsetzung zu "Tränen auf Asphalt", dem Entwickeln
der Starside-Saga und dem Schreiben eines Krimis bin ich
im Moment allerdings mit Arbeit eingedeckt.
Auf der Homepage
Ihres Verlages beschreiben Sie auch Ihre Erlebnisse
mit Books-on-Demand (selbst ein Buch publizieren). Wollen
Sie Ihr nächstes Buch wieder auf diese Art veröffentlichen
oder versuchen Sie, einen Verlag zu finden?
Das entspricht so in etwa der Frage, ob man
Hängen oder Würgen als Todesursache bevorzuge ...
Selbstverlegen ist etwas sehr Spannendes,
und ich bringe durch meine journalistische Arbeitserfahrung
wahrscheinlich bessere Voraussetzungen dazu mit als die
meisten anderen Autoren. Wenn ich den Arbeitsablauf korrekt
gestalte, kann ich selbst redigieren und lektorieren,
so dass die Qualität stimmt. Jedoch ist es unglaublich
zeitaufwendig. Zudem funktioniert Books-on-Demand leider
noch lange nicht so gut, wie das Unternehmen dies verspricht.
Das ist natürlich desillusionierend.
So bin ich stets auf Verlagssuche. Selbstveröffentlichte
Bücher werden jedoch nur im Ausnahmefall ins Programm
etablierter Verlage übernommen, und Fortsetzungen zu einem
derartigen Buch irgendwo unterzubringen, gestaltet sich
äusserst schwierig.
Weshalb arbeiten Sie dann an Ihren bestehenden
Projekten weiter, statt etwas Neues zu schreiben?
Mir ist es wichtig, die Starside-Saga bis
Band 4 fertigzustellen, wo sich ein natürlicher Unterbruch
ergibt, denn die bis auf eine Ausnahme in sich abgeschlossenen
Romane sind stark miteinander vernetzt und haben eine
"Besetzung" von rund einhundert Personen. Bei einer kontinuierlichen
Arbeitsweise verändert sich der Stil weniger abrupt und
es schleichen sich weniger Fehler ein, was meine treuen
Leser zweifelsohne schätzen werden.
Welche Erfahrungen haben Sie bei der
Verlagssuche gemacht?
Ziemlich schlechte und frustrierende. Mit
all den Imprints der grossen Verlagshäuser ist es sehr
schwierig zu bestimmen, welcher sogenannte Verlag tatsächlich
noch ein Lektorat hat und welcher nur eine leere Hülle
ist. Was nicht genau in den Mainstream oder in eine Schublade
passt hat keine Chance, ins Programm aufgenommen zu werden.
Auch ist jedes Lektorat aus Prinzip überlastet.
Im Moment habe ich beispielsweise seit Monaten
eine Anfrage bei Ueberreuter laufen. Einen Monat nach
meinem ersten Schreiben kam eine Antwort, dass sie mein
Buch lesen wollten. Ich wies darauf hin, dass sich bereits
ein Exemplar meines Buches im Ueberreuter-Lektorat befinde
und fragte, ob dieses zur Prüfung tauge oder ob die Lektorin
ein auf Normseiten ausgedrucktes Manuskript bevorzuge.
Das war vor zwei Monaten. Seither herrscht Funkstille.
Antwort, wenn überhaupt, kann ich wahrscheinlich frühstens
einige Monate nach der Frankfurter Buchmesse erwarten
und dann ist ja schon bald wieder Leipzig ...
Es gab jedoch auch dünn gesäte erfreuliche
Erlebnisse, dies mit Literaturagenten. Aufgrund meiner
Erfahrungen würde ich aspirierenden Schriftstellern dazu
raten, sich erst einen seriösen Agenten zu suchen. Eine
gute Adressliste dazu findet sich auf der Website
von Sandra Uschtrin.
Von Alfred
Ohswald
|