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Robert Kerber, 1965 in Montreal/Kanada
geboren, studierte Grafikdesign, schrieb Artikel für ein
Phantastik-Magazin, drehte mehrere Kurzfilme und gestaltete
einige Jahre das Spielprogramm eines renommierten Frankfurter
Kunstkinos. Heute lebt er in einem kleinen Ort westlich
von Frankfurt/Main und arbeitet als freier Grafiker und
Autor. Die Filmerzählung "Das ganzheitliche System", im
Selbstverlag erschienen, ist seine erste Veröffentlichung.
Ich treffe Robert Kerber in einem afrikanischen
Restaurant in einem Frankfurter Vorort, um ihn zum "Ganzheitlichen
System" zu interviewen. Draußen tobt der erste Herbststurm.
Kerber zündet sich einen Zigarillo an und schirmt die
Flamme mit der Hand ab, als wolle er sie gegen das Unwetter
schützen. Da die Handlung in seinem Buch durch ein Hilfsmittel
zur Zigarettenentwöhnung ins Rollen kommt, frage ich ihn,
ob die Geschichte auf persönlichen Erfahrungen beruht.
Nein, aber mir ist eine solche Geschichte
angetragen worden. Eine starke Raucherin hatte versucht,
sich das Rauchen mit chemischen Hilfsmitteln abzugewöhnen,
mit eklatanten Nebenwirkungen. Sie hatte hundertprozentige
Blackouts, aber merkte nichts davon. Sie saß in geschäftlichen
Besprechungen, führte Verhandlungen, aber konnte sich
hinterher an nichts mehr erinnern.
Also stammt die Anregung aus dem wirklichen
Leben. Diese Anekdote bildet aber nur den Auftakt. Was
ist das Hauptmotiv des Buchs?
Das Buch handelt von einer Person, Kendred,
die nicht nur die Authentizität ihrer Jetztzeit, sondern
auch ihrer Vergangenheit in Frage gestellt sieht. Am Anfang
des Buchs ist Kendred sich seiner selbst absolut sicher,
seiner Position als Leiter einer psychiatrischen Anstalt
und auch der Loyalität seiner Kollegen. Er hält sich für
unfehlbar. Dann stürzt dieses scheinbar sichere Gebäude
komplett ein.
Das klingt wie eine psychologische Studie,
aber die Geschichte trägt auch phantastische Elemente.
Das phantastische Element liegt darin, dass
sich durch das Medikament, das Kendred einnimmt, Vergangenheit
und Gegenwart unentwirrbar durchdringen. Und dass es denjenigen,
der das Medikament verabreicht - hier Kendreds Stellvertreter
Harlan - in die Lage versetzt, die Szenerie, in der sich
die Konsumenten bewegen, zu kontrollieren.
Stoßen da nicht zwei Personen aufeinander,
die sich in ihrem Denken gar nicht unähnlich sind?
Richtig. Es stoßen zwei Personen aufeinander,
die sich beide eine Welt schaffen, die nach den von ihnen
gesetzten Maßstäben funktionieren soll. Die eine, Kendred,
hat sich diese Welt durch Selbstsuggestion geschaffen,
die andere, Harlan, durch Manipulation und autoritäre
Kontrolle. So gesehen, ist Kendred der Schwächere, er
kann mit diesem Angriff nicht umgehen und ist völlig hilflos.
Aber er findet gegen Ende des Buchs durchaus
einen Weg, sich gegen Harlan und dessen Kontrolle zu wehren.
Das schafft er nur aufgrund eines Lernprozesses,
indem der Mann, der vorher so selbstsicher und selbstgerecht
war, die Sichtweisen anderer Menschen akzeptiert und sich
mit diesen solidarisiert. Da ist einmal Kira, eine junge
Frau, die schon längere Zeit unter Einfluss des Medikaments
steht. Und da ist Milchik, der Erfinder des Medikaments.
Um bei Milchik zu bleiben - gerade in
der Szene, in der Kendred zum ersten Mal mit ihm zusammentrifft,
bekommt die Geschichte trotz aller Dramatik auch einen
sehr ironischen Unterton. Hast du solche Momente eingebaut,
um die Geschichte nicht zu "kopflastig" werden zu lassen?
Kendreds Begegnung mit Milchik ist nicht
nur der Wendepunkt in der Geschichte. In Milchik vereinen
sich alle gegensätzlichen Züge der anderen Charaktere.
Er täuscht sich selbst, er manipuliert andere, er handelt
gleichzeitig moralisch und amoralisch. Er hat eine positive
Utopie, ist aber nicht bereit, die Verantwortung für deren
negative Folgen zu tragen. Solch eine Szene läuft schnell
Gefahr, allzu bedeutungsschwer zu werden. Ein Weg, dem
entgegenzuwirken, ist, sie zu ironisieren.
Vor unserem Interview hast du mir die
Figur Milchiks als eine Mischung aus Edward Teller und
Timothy Leary beschrieben. Gibt es auch für dich als Autor
Vorbilder?
Nicht Vorbilder im Sinne von bewusstem Nacheifern
oder Zitieren. Bücher und Filme, die einen beeindruckt
haben, setzen sich sowieso im Hinterkopf fest. Autoren,
die für mich sichtbar Spuren im Buch hinterlassen haben,
sind Philip K. Dick und J. G. Ballard.
Das sind beides Schriftsteller, aber du
bezeichnest das, was du geschrieben hast, als Filmerzählung.
"Das ganzheitliche System" basiert auf einem
Drehbuch zu einem Filmprojekt, das leider nicht realisiert
wurde, weil sich die Fördergremien nicht für den Stoff
erwärmen konnten. Da ich mich aber von dem Gedanken an
eine mögliche Verfilmung nie ganz gelöst habe, habe ich
die äußere Form nur wenig geändert. Die Geschichte wird
über Dialoge und kurze szenische Beschreibungen erzählt.
Mir erscheint diese Form, gerade für
das Thema, auch sehr passend. Sie fordert die Phantasie
des Lesers, der damit den wechselnden "Wirklichkeiten"
der Charaktere seine ganz eigene Vorstellung hinzufügt.
Ganz genau.
Du hast das Buch im Selbstverlag herausgebracht.
Hast du nicht daran gedacht, es einem Verlag anzubieten?
Wie gesagt, "Das ganzheitliche System" war
zuerst ein Drehbuchentwurf, der abgelehnt wurde. Es war
aber nach wie vor mein persönliches Lieblingsprojekt,
deshalb wollte ich bis zum Erscheinen alle Schritte überwachen.
Bei einem Fremdverlag hat ein Autor beispielsweise ein
Mitspracherecht, aber nicht die letzte Entscheidung, was
die Titelgestaltung betrifft.
Von den Äußerlichkeiten abgesehen, wären
es nicht die eventuellen inhaltlichen Änderungswünsche
gewesen, die mehr geschmerzt hätten?
Ich habe das Buch vier verschiedenen Lektoren
vorgelegt, die es auf Dramaturgie und Inhalt durchgesehen
haben. Es gab Dinge, die unisono bemängelt wurden, und
die ich daraufhin geändert habe. Es gab aber auch Punkte,
bei denen die Meinungen auseinandergingen. Dort habe ich
mich teils für, teils gegen Änderungen entschieden.
Würdest du dich bei zukünftigen Projekten
wieder für eine Selbstveröffentlichung entscheiden?
Bei einem Projekt wie diesem, das ich bis
ins visuelle Detail geplant habe, ja. Bei den Kurzgeschichten,
die ich schreibe und Magazinen oder für Anthologien anbiete,
ist es anders.
Dann bist du also, obwohl du einen cineastischen
Background hast, nicht auf Drehbücher festgelegt?
Nein, ich habe zwar mit Drehbüchern angefangen
und auch ein Seminar bei Tom Schlesinger und Keith Cunningham
besucht, wo ich viel über Dramaturgie gelernt habe. Aber
das lässt sich ebenfalls auf Prosa anwenden, natürlich
mit den spezifischen Eigenheiten der Erzählform. Ein Drehbuch
hat andere dramaturgische Anforderungen als eine Kurzgeschichte
oder ein Roman, aber Dinge wie einen Spannungsbogen aufrecht
erhalten, Nebenhandlungen einflechten oder Handlungselemente
im Finale zusammenführen und auflösen, lassen sich übertragen.
Deshalb halte ich es für angehende Autoren für wichtig,
sich Wissen nicht nur autodidaktisch anzueignen, sondern
unter professioneller Anleitung Beispiele zu analysieren,
sowohl eigene als auch fremde Stoffe. Natürlich ist Stil
wichtig, aber man sollte nicht den Fehler begehen, inhaltliche
Mängel durch Stilkapriolen wettmachen zu wollen.
Sind es mehr Themen als die Form, die
dich interessieren?
Ich glaube, jedes Thema sollte in der Form
erzählt werden, die ihm angemessen ist. Ich setze mich
nicht hin und beschließe, jetzt schreibe ich ein Drehbuch,
oder eine Kurzgeschichte, oder ein Hörspiel. So wie die
Figuren, die man erfindet, ein Eigenleben entwickeln,
bestimmt die Idee, wie man sie erzählt.
Dann danke ich dir für dieses Gespräch
und gönne mir erstmal eine Zigarette.
Von Christine Bauer am 7. 11. 2002
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