| Rudolf Taschner
studierte Mathematik und Physik Wien und arbeitet dort
im Institut für Analysis und Scientific Computing.
Sein Projekt math.space und zahlreiche populärwissenschaftliche
Veröffentlichungen wie zuletzt „Rechnen mit
Gott und der Welt“ sollen für mehr Popularität
der Mathematik in der Öffentlichkeit sorgen. Für
dieses Engagement erhielt er 2004 die Auszeichnung „Wissenschaftler
des Jahres“.
Könnte man die Frage nach Gerechtigkeit
und Gesetz nicht auch recht vereinfacht beantworten? „Gerechtigkeit“
ist das von der Evolution gegebene Gefühl, dass auch
Tiere auf ihre ganz eigene Art kennen, „Gesetz“
ist das Regelwerk von Zivilisationen, um das Zusammenleben
einer größeren Anzahl von Menschen zu ermöglichen?
Der hier gegebenen Definition
von „Gesetz“ kann ich mich anschließen,
nicht aber derjenigen von „Gerechtigkeit“.
Denn erstens ist Gerechtigkeit kein Gefühl, sondern
eine Tugend. Zweitens ist nicht
zu erkennen, wie Tiere „auf ihre ganz eigene Art“
gerecht sind. Sie sind es sicher nicht, denn wären
sie es, wären sie keine Tiere, sondern Menschen.
Und drittens sind mir Erklärungsmuster mit Hilfe
der Evolution immer suspekt, weil damit die Einzigartigkeit
des Menschen auf ein scheinbar naturwissenschaftliches
Muster reduziert wird.
In den Wirtschaftswissenschaften dominiert
zur Zeit die sich auf Adam Smith, Friedrich Hayek und
andere Vertreter der liberalen Richtung der Marktwirtschaft
berufende Meinung, dass Eigennutz im Ergebnis der gesamten
Gesellschaft nützen würde.
Die Verhaltensforscher hingegen zeigen, dass
es sich dabei um das natürliche Verhalten von Schimpansen
handelt, die nicht dazu in der Lage sind, sich ohne Eigennutz
gegenseitig zu helfen. Menschen hingegen helfen sich schon
als Kleinkinder ohne Eigennutz in entsprechenden Experimenten.
Da liegt doch der Gedanke nahe, dass Menschen
weitgehend unbewusst zumindest auch etwas zu dem erfolgsträchtigen,
egoistischen Verhalten erzogen werden?
Leider bin ich zu wenig Experte,
um diese Frage – wenn ich sie überhaupt richtig
verstehe – kompetent beantworten zu können.
Erreicht in der Demokratie nicht der übliche
Kampf der verschiedenen Interessengruppen um Ressourcen
ein gewisses Mindestmaß an Gerechtigkeit? Natürlich
können einfußreiche und mit mehr finanziellen
Mitteln ausgestattete Gruppen für ihre Ziele viel
wirkungsvoller in der Öffentlichkeit werben. Aber
das wird ja wohl kaum zu verhindern sein?
Warum soll gerade in der Demokratie
der Kampf von Interessensgruppen ein Mindestmaß
an Gerechtigkeit gewährleisten? Demokratie ist lediglich
ein formales Verfahren mit dem Ziel, möglichst gewaltfrei
durch ein Votum des „demos“ – wer immer
das sein mag – nach vorgegebenen Regeln –
wie willkürlich diese auch lauten mögen - die
Übertragung von Staatsmacht an bestimmte Personen
zu fixieren. Von der Demokratie zu erwarten, dass bestimmte
Tugenden wie Besonnenheit, Tapferkeit, Weisheit oder Gerechtigkeit
gefördert würden, ist allzu naiv.
Wenn man die gewaltigen Summen betrachtet,
die Bank- und Staatenrettungen in den letzten Jahren verschlungen
haben betrachtet, gewinnt man doch schnell den Eindruck,
dass Geldmangel nicht das Problem zu sein scheint?
Jeder souveräne Staat kann
sich „Geldmangel“ durch Inflation vom Hals
schaffen, mit anderen Worten: er braucht nur Geldscheine
wie Konfetti zu drucken. Insofern ist „Geldmangel“
nie ein Problem. Das eigentliche Problem besteht darin,
Geld sinnvoll auszugeben, nämlich so, dass dadurch
„Werte“ geschaffen werden, die eine Vermehrung
des Geldes rechtfertigen.
Das von Ihnen gezeigte Beispiel zeigt auf
sehr eindrucksvolle Art das Problem, dass durch eine immer
älter werdende Gesellschaft auf uns zukommt. Aber
sollte nicht die enorme Produktivitätssteigerung
durch die zunehmende Automatisierung der Produktion eine
theoretische Lösung für dieses Problem bieten?
Wenn kein Berufstätiger mehrere nicht mehr oder noch
nicht Berufstätige erhalten kann, warum nicht eine
Maschine, wenn sie auch sonst bereits die Wertschöpfung
mehrerer Menschen erledigt?
Genau dieser Auffassung war in
den 80-er Jahren des vorigen Jahrhunderts der deutsche
Arbeitsminister Norbert Blüm mit seiner These „Die
Rente ist sicher“. Das damit einhergehende Problem
besteht jedoch darin, dass durch die von Ihnen beschriebene
unumschränkte Delegation von Arbeit an Maschinen
der Begriff „Arbeit“ selbst, der bisher mit
Schaffung von Werten einhergeht, einen tiefgreifenden
Wandel erführe: Von Menschen geleistete Arbeit ist
wertvoll und daher mit der Auszahlung angemessener Löhne
verbunden. Von Maschinen geleistete Arbeit wird zugleich
als Arbeit der „hinter diesen Maschinen tätigen“
Menschen betrachtet, ist daher auch in diesem Fall mit
einer Entlohnung dieser Menschen verbunden. Was aber geschieht,
wenn Maschinen Arbeit verrichten, und man keinen „hinter
diesen Maschinen tätigen“ Menschen mehr ausfindig
machen kann? Kann man dies noch als „wertvolle“
Arbeit klassifizieren? Und wie wird dieser Wert an wen
entgolten? Erleben wir dann das Schlaraffenland? Dies
ist doch sehr zu bezweifeln …
Ist das von ihnen ausgiebig gewürdigte
Wort „nachhaltig“ nicht eine ähnlich
leere und darum umso beliebtere Politikerfloskel, wie
auch das völlig sinnfreie „Strukturwandel“
(welche Struktur wie geändert werden soll, wird kaum
dazugesagt)?
Auch die in jeder Sonntagsrede von deutschen Politikern
erwähnten, notwendigen Investitionen in Bildung fallen
scheinbar in diese Kategorie? Warum sonst wären Österreichs
Universitäten voll mit Studenten aus unserem nördlichen
Nachbarland?
„Nachhaltig“ ist
tatsächlich in aller Munde. Und was in aller Munde
war, will schließlich niemand mehr schlucken. In
diesem Sinn wurd das Wort „nachhaltig“ von
allzu vielen missbraucht. Wenn große Krisen auf
uns zukommen – und es ist zu befürchten, dass
wir nicht davor verschont bleiben -, wird niemand mehr
floskelhaft von Nachhaltigkeit (oder von Strukturwandel)
sprechen.
Würde jemand einen unbegrenzten Zugriff
auf staatliche Unterstützungen von Sozialhilfeempfängern
vorschlagen, würde man ihn zurecht der Dummheit bezichtigen.
Wie können dann aber hochintelligente Menschen wie
der Philosoph Peter Sloterdijk und einige Wirtschaftswissenschaftler
mit dem Vorschlag einer mehr oder weniger freiwilligen
Steuer der Wohlhabenden angesichts der nicht zu übersehenden,
abschreckenden Beispiele von Griechenland, Kalifornien
& Co. eine ernsthafte Diskussion auslösen?
Im Spannungsfeld zwischen Freiheit
und Sicherheit fühlen manche, dass die Waagschale
in vielen europäischen Staaten eher zugunsten der
Sicherheit, d.h. der ökonomischen Absicherung möglichst
aller, auf Kosten der Freiheit des einzelnen Individuums
ausschlägt. Darum die Idee, es – von einer
moderaten Flat Tax abgesehen - dem Gutdünken der
Einzelnen zu überlassen, wie viel sie freiwillig
dem Gemeinwesen als Beitrag spenden. Der behauptete Vorteil:
der Einzelne fühlt sich in seiner Souveränität
und seiner Verantwortung dem Staate gegenüber gestärkt.
Was dabei übersehen wird, ist das Gefühl der
Empfänger dieser Zuwendungen: Dass Almosenbrot immer
ein bitteres Brot war, ist und bleiben wird.
Wie kann es langfristig funktionieren, dass
eine vielfaches des Wertes der gesamten Welt an Geld im
Umlauf ist?
Woher kennen Sie den „Wert
der gesamten Welt“?
Selbst wenn man nur das Leben eines einzigen Menschen
versichern möchte, kann man die Versicherungssumme
theoretisch beliebig hoch festsetzen. Denn der Wert eines
Menschenlebens – und sei es das eines vielleicht
morgen schon verstorbenen Greises – ist nicht objektiv
mit Geld aufzuwiegen.
Joseph von Sonnenfels war ein österreichischer
Vertreter des Physiokratismus, wonach ein Geldschein zugleich
das Versprechen beinhaltet, damit ein entsprechendes Stück
Land des Staates, von dem dieser Geldschein stammt, einlösen
zu können. In diesem Sinn haben Sie recht: Es gibt
weitaus mehr Geld im Umlauf als es Grundstücke auf
der Erde gibt, die man mit diesem Geld erwerben könnte.
Aber Joseph von Sonnenfels war noch ein Ökonom aus
Maria Theresias Zeit, und seither hat der Begriff „Geld“
einen tiefgreifenden Wandel erfahren. Zwar ist mit Geld
immer noch ein Versprechen verbunden. Doch ist dieses
Versprechen nicht mehr notwendig mit der Einlösung
von Land gekoppelt, sondern es handelt sich vielmehr um
ein Versprechen für die Zukunft. Und der „Wert
der Zukunft“ kennt theoretisch keine oberen Grenzen.
Es kann nur – und es muss sogar von Zeit zu Zeit
– zu gigantisch leeren Versprechen für eine
Zukunft kommen, die sich als Luftschloss entpuppt: So
entstehen die Blasen der Wirtschaft. Wenn diese allzu
riesig ausfallen, bleibt nur mehr der Ausweg einer Währungsreform
…
Herzlichen Dank und viel Erfolg bei zukünftigen
Projekten!
Von Alfred
Ohswald am 19. 7. 2011
|