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Interview mit Kurt Lanthaler


Kurt Lanthaler

  Der 1960 in Bolzano/Bozen (I) geborene Kurt Lanthaler lebt seit 1986 als freier Schriftsteller in Berlin. Er erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen (1979 "Preis für Kurzgeschichte" des PEN-Club Liechtenstein; 1996 Staatsstipendium für Literatur der Republik Österreich; 1998 "Alfred-Döblin-Stipendium" der Akademie der Künste, Berlin, 2002 Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf), hat einiges an Erzählungen, Lyrik, Drehbücher, Hörspiele, Übersetzungen und Theaterstücke geschrieben und gleichzeitig mit seinen Krimis um den Fernfahrer Tschonnie Tschenett (Deutsch bei Haymon und Diogenes) einen größeren Leserkreis erobert.
  Letzte Veröffentlichungen: "Offene Rechnungen/Anoichtoi Logarismoi" (Lyrik dt./ital./gr., Haymon); ": himmel und hoell" (Lyrische Installation eines 84strofigen Gedichtes an Bunkerbeton am Brenner); "Weiszwein und Aspirin.", Diogenes TB; im September erscheint bei Haymon der neue Tschenett-Roman "Napule"

  Warum entschieden Sie sich für einen Fernfahrer als Held ihrer Krimis? Spukte da vielleicht der einsame Außenseiter des Westerns im Hinterkopf herum?

  (Kann sein, was weiß man schon). Mehr allerdings: damit die Möglichkeit zu haben, quer durch Europa zu fahren, gebraucht und beschimpft.

  Wie kamen Sie auf den ungewöhnlich geschriebenen Namen "Tschonnie Tschenett"? Fürchten Sie nicht ein Missverständnis, dass dieser Name bei manchen potenziellen Leser Gedanken an Mike-Krüger-Humor wecken könnte?

  Mike Krüger: nix wissen, anderes Baustelle, deitsches Humor, Grappa auffe Ause, vielleickte?
  Dafür Geschichte. (Und, wie immer im Leben, gottseidank, sind Geschichten bunt und verzwickt und, eben, ungewöhnlich. Deswegen sei diese eine hier erzählt.)
  Tschenett, so mein Wissensstand bei der Findung des Namens, ist ein in einem Kleinstdorf im obersten Vinschgau häufig vorkommender Name raetoromanischen Ursprungs (was die Sprache der Ureinwohner im Alpenraum und meine Muttersprache ist) und klingt schön.

  Urspruenglich (1987) war ein Johann Tschenett die Hauptfigur in einem Drehbuch, das wegen ein paar fehlender Märker dann doch nicht gedreht wurde; als es um die Person- und Namensfindung für die späteren Tschenett-Romane ging, dachte ich, die Hauptfigur den Sohn des Johann Tschenett sein zu lassen: so kannte ich seine Familie bereits. Traditionellerweise benennt Vater Tschenett (in den 50ern) seinen Sohn mit dem Vaternamen: Johann also. Hilft ihm auch nichts (wie man weiß, wenn man die 4 bisherigen Tschenett-Romane gelesen hat; auch der fünfte bringt keine Besserung), Sohnemann wird kein strahlendes Beispiel erfolgreicher Mitgliedschaft in unserer heißgeliebten Gesellschaftsordnung. Aber schnuppert (in den 60ern) Frischluft aus, naja, Hamburg, moecht sich also Johnny nennen, tut nach Hamburg reisen (hört eine Band, die spaeter bekannter wird, spaetestens, nachdem sie sich in Hamburg eben einen neuen Haarschnitt zugelegt habt), wird vorort Seemann; nur: "Johnny" kann kein Alpiner aussprechen. Aufgrund der Einwirkung der dünnen Höhenluft auf die Stimmbänder (Kontraktur) wird aus Johnny Tschonnie: und dieses muß, wird müssen, und tut: die Gattung des realistischen Romans abbilden.
  Neueste Informationen, von aufmerksamen Lesern übermittelt, weisen auf eine Weiterung, was den Namen Tschenett betrifft, hin: es könnte sich, und wär schön so, dahinter eine arabische Wortwurzel verstecken, begründbar darüber, daß im Mittelalter via Spanien arabische Bergbauprofis in alpinen Tälern gearbeitet haben. Diese Hypothese wird überprüft; Näheres demnächst.

  Ihre Krimis erinnern ja stark an Raymond Chandler, Dashiell Hammett und Co. und die Verfilmungen mit Bogart. Standen diese Autoren oder Filme Pate bei ihren Krimis?

  Im Zweifelsfalle allerdings mehr die Romane (nix gegen die Filme; aber: lesen!). Und Karl May und Friedrich Glauser und Arno Schmidt und, und Ugo Foscoli und P.P. Pasolini und Leonardo Sciascia und.

  Berlusconi ist ja geradezu der Prototyp eines neuen Politikertyps, der in Europa überall sehr erfolgreich ist. Sind Ihnen Veränderungen aufgefallen, die sich seit seiner Regierungszeit in Südtirol bemerkbar machen? Und werden Sie diese Entwicklung in Ihren Krimis berücksichtigen?

  Von Südtirol verstehe ich nicht viel (nach zwei Jahrzenhnten Entfernung), aber genug: was dazu zu sagen ist, habe ich, recherchiert, in meinen Romanen gesagt; (in Kurzfassung: das Land wird aus nicht-selbst-verdientem Geld heraus immer reicher und psychotischer, unterwürfiger und debiler: sie wollen es so). Was Berlusconi und die Frage, wie es soweit resp. zu ihm kommen konnte, was auf dem Weg dahin im Italien der Posttangentopoli-Aera alles geschehen mußte und konnte: dazu steht in meinen bisherigen Romanen immer wieder etwas, ist eines der sich durchziehenden Dauer-Themen (was sich auch haidrisch buchstabieren lassen kann, 'tuerlich.), könnt gar nicht anders sein. Prognosen sind nicht Schriftstellers Handwerk, Zustandsbeschreibung eher: daß die Rezeption dann manchmal, Romane lesend, von Prognosen spricht, hat eher mit der Kurzsichtigkeit des täglichen Lebens zu tun.

  Hat die Krimiserie mit Tschonnie Tschnett ein geplantes Ende oder wollen Sie sich diese Entscheidung offen halten?

  Wer weisz schon, was morgen ist? Morgen (also September 2002), kommt einer neuer Tschenett-Roman, der im Napoli des Januars 2002 spielt und übermorgen (also voraussichtlich Fruehjahr 2004) kommt ein Tschenett-Roman, der im Bologna des Jahres 2003 spielt. Dazwischengestreut geplant, wie immer: Buecher, die mit ganz anderen Dingen und Personen und Gattungen zu tun haben.

  Können Sie uns schon das Hauptthema des nächsten Tschenett-Romans verraten?

  Napoli, von Freunden freundlich Napule genannt, ist eine Stadt, in der alles moeglich ist. Auch das Unmögliche. Also das Alltägliche.

Herzlichen Dank und viel Erfolg bei zukünftigen Projekten!

Von Alfred Ohswald am 5. Juni 2002

Kurt Lanthaler Website

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