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Marcus Hammerschmitt


Marcus Hammerschmitt

  Der 1967 geborene, studierte Germanist Marcus Hammerschmitt ist vor allem für seine Science Fiction Texte bekannt. Aber er schrieb auch ein Sachbuch über die Geschäfte mit der Esoterik-Welle, Hörspiele, Essays zu Gott und der Welt und auch Lyrik gibt es aus seiner Feder.
  Seine bisherigen, wichtigsten Veröffentlichungen sind "Der Glasmensch" (SF-Erzählungen, Suhrkamp), "Wind - Der zweite Versuch" (2 Kurzromane, Suhrkamp), "Target" (Roman, Suhrkamp), "Instant Nirwana" (Essay, Aufbau Verlag), "Der Opal" (Roman, Argument Verlag) und das demnächst erscheinende "Der Zensor" (Roman, Argument Verlag). Daneben finden sich einige Texte von ihm im Internet und er schreibt auch für Zeitungen und Magazine, wie z.B. für KONKRET, c't oder ndl.
  Einige Preise konnte er für seine Arbeiten auch schon erringen. Der Thaddäus Troll-Preis 1997, der Essaypreis der Büchergilde Gutenberg 1998, der Kurd Laßwitz Preis für die beste Kurzgeschichte des Jahres 1998 und des Würth-Literaturpreises 1999, um nur einige zu nennen.

Interview mit Marcus Hammerschmitt (per eMail geführt):

Autoren sind ja meist durch das Lesen zu dieser Tätigkeit animiert worden. Welche Autoren und Bücher haben Ihre Schreiblust geweckt?

- Die vollständige Liste ist zu lang. In der Frühzeit war es sicher Hermann Hesse, der ja für viele Jugendliche eine Art Einstiegsdroge in die Literatur darstellt. Parallel dazu gab es in der Stadtbibliothek in Völklingen / Saar, wo ich zur Schule ging, ein ganzes Regal mit den alten, blauen Goldmann-SF-Schwarten, von denen ich einen Großteil gelesen haben muß. Später kamen Autoren wie Uwe Johnson, Thomas Bernhard, Hans Erich Nossack; noch später die neueren Genrehelden wie William Gibson und Iain M. Banks. Daß ich 1990 wieder ernsthaft SF zu schreiben anfing, ist unter anderem William Gibsons "Neuromancer" zu verdanken.
Es gibt noch viele andere Einflüsse in den Bereichen Lyrik und Essayismus, aber lassen wir es einmal dabei bewenden.

Und welche Autoren beeinflussen Ihre heutige Art zu schreiben?

- Tad Williams würde mir einfallen. Obwohl ich absolut keine Ambitionen habe, Sagas von 3500 Seiten Länge zu verfassen. "Der Opal", mein letztes Buch wurde sicher von "Excession" (Iain M. Banks) beeinflußt: Ich wollte etwas machen, was ähnlich rasant ist.
Im Moment kommt der stärkste Einfluß nicht von einem Autor, sondern von einem Lektor.

Außer dem Sachbuch "Instant Nirwana" haben sind von Ihnen bisher nur Science Fiction veröffentlicht worden. Beschränken Sie sich auf dieses Genre oder konnten Sie nur noch nichts Anders bei einem Verlag unterbringen?

- Es ist erstaunlich, wie wenig immer noch Veröffentlichungen wahrgenommen werden, die nicht zwischen zwei Buchdeckeln daherkommen. Wer meine Homepage besucht, wird schnell feststellen, daß ich auf Science Fiction nicht festgelegt bin, und regelmäßig andere Texte aus anderen Gattungen und Genres veröffentliche. Da wäre zum Beispiel ein Hörspiel:
http://www.cityinfonetz.de/homepages/hammerschmitt/low_inhalt.html

Literaturzeitschriften bringen meine Erzählungen, Gedichte und Essays:
http://www.cityinfonetz.de/homepages/hammerschmitt/low_ndl.html
http://www.cityinfonetz.de/homepages/hammerschmitt/low_wandler.html
http://www.cityinfonetz.de/homepages/hammerschmitt/low_osiris.html

Ich mache politischen und anderen Journalismus:
http://www.cityinfonetz.de/homepages/hammerschmitt/low_ct.html
http://www.cityinfonetz.de/homepages/hammerschmitt/low_konkret.html
und anderes mehr.
Aber weil das verstreut auftaucht, wird es nicht wahrgenommen. Erstaunlich, nicht wahr? Tröstlich, daß das Buch als Institution - vor allem unter Genrelesern - einen so hohen Stellenwert einnimmt. Bedauerlich, daß anderes unter den Tisch fällt.

Der Titel "White Light/White Heat" Ihres Essays über Science Fiction in "Der Glasmensch" stammt ja von einer legendären Schallplatte der von Andy Warhol in den 60ern gegründeten Kultgruppe "Velvet Undergrund". Passte nur der Titel gut, oder haben Sie einen besondere Beziehung zu dieser Zeit und der damaligen Rebellion der Jugend?

- Das ist eine tückische Frage, in vielerlei Hinsicht. Es gibt Leute, die behaupten, ich denke und rede wie ein "68er". Das ist putzig, vor allem, wenn man sich vor Augen hält, daß ich Jahrgang 1967 bin.
Der Titel "White Light / White Heat" bezog sich nicht bewußt auf Velvet Underground. Er hat in meinem Unterbewußtsein auf einen Text gewartet, zu dem er passen könnte, und voilà, irgendwann kam dieser Text des Wegs.

Sie machen ja kein Geheimnis aus Ihrer politischen Gesinnung und betreiben auch einen Mailingliste namens "Linkskurve" im Internet. Engagieren Sie sich auch sonst politisch?

- Gelegentlich. Bis auf meine Mitgliedschaft im VS (Verband deutscher Schriftsteller) drückt sich das aber nicht in parteilich organisiertem Engagement aus. Ich würde mir eine noch weit bissigere gewerkschaftliche Arbeit für uns Schriftsteller und Schriftstellerinnen wünschen, denn unsere Lebensbedingungen sind in den meisten Fällen sehr bescheiden, geradezu abenteuerlich. Erst neulich habe ich wieder erfahren müssen, daß für manchen Verleger Verträge das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen. Der Rechtsanwalt meines Berufsverbandes hat in diesem Fall die Verhältnisse klargestellt. Die "Linkskurve" ist ein Versuch, mich mit anderen über das Unbehagen an gegenwärtigen kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen auszutauschen. Ein Anstoß für die "Linkskurve" waren die unglaublichen Manipulationen der öffentlichen Meinung im Zusammenhang mit der deutschen Beteiligung am Angriffskrieg gegen Restjugoslawien 1999. Ich konnte einfach nicht fassen, was ich da zu sehen und zu hören bekam und wollte wissen, wie es anderen damit geht.

Sind rechtliche Probleme mit Verlagen Ihrer Erfahrung nach die Ausnahme, oder ist Ihnen derartiges schon öfter geschehen oder haben von Schriftstellerkollegen gehört, dass es gar nicht so selten in der deutschen Verlagsbranche vorkommt?

- Probleme mit Verlagen, Verwertern und Veranstaltern sind keine Ausnahme, sie kommen sogar recht häufig vor. Das reicht von läßlichen Ärgernissen, über die sich kein Autor wirklich aufregen darf (falsch geschriebene Namen, verschlampte Rezensionsexemplare, gebrochene Absprachen zur Ausstattung der Bücher, unzumutbare Leseorte) bis zum glatten Betrugsversuch (und auch das kommt häufiger vor, als man meinen sollte). Vielleicht wäre das, was ich in dieser Hinsicht erlebt habe, auch einmal einen längeren Text wert. Ich weiß nicht, ob solche Dinge bei deutschen Verlagen häufiger vorkommen als bei anderen. Ich glaube es eher nicht. Fakt ist: Es läuft einiges.
Eines der größten Probleme in dieser Hinsicht sind aber nicht die Verlage, sondern die Autoren. Viele Autoren kennen ihre Rechte nicht und machen sich auch nicht kundig. Sie sind froh, daß sie hier und da einen Text veröffentlichen und beschweren sich nicht, wenn sie über den Tisch gezogen werden, weil sie glauben, daß ihnen das Chancen für die Zukunft verbaut. In Wirklichkeit beschwören sie nur Probleme für sich selbst und uns alle herauf: Sie laden die Verwerter ein, sich wie Raubritter zu verhalten. Es gilt hier immer noch die alte Devise: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Wehren kann man sich allerdings nur, wenn man nicht allein ist und über einen Grundbestand an juristischem know-how verfügt. Das Internet, der Verband deutscher Schriftsteller und der Förderkreis deutscher Schriftsteller (bundesweit auf Länderebene organisiert) können gegebenenfalls helfen. Fast noch wichtiger wäre aber die Entwicklung eines gesunden Selbstbewußtseins. Viele Autoren halten sich für Genies, verhalten sich aber wie Bettler. Eine gewisse Nüchternheit im Umgang mit den eigenen Fähigkeiten und Rechten wäre da schon hilfreich: "Ich biete eine Leistung und werde dafür bezahlt." Warum sollte überhaupt jemand kostenlos öffentlich lesen (es sei denn für ausgesprochene Benefiz-Veranstaltungen)? Warum lassen wir uns das bieten, wenn vereinbarte Honorare monatelang hinausgezögert werden? Kultur gibt es nicht zum Nulltarif, und ohne uns bleiben die Seiten weiß und die Vortragssäle leer (das letztere manchmal auch mit uns, aber das ist wieder eine andere Geschichte). Lesungen sind ja oft nicht unbedingt eine erfolgsträchtige Sache.

Lesungen werden häufig als Promotion für neue Bücher eingesetzt und hätten selbst geschickte Präsentation und Bewerbung nötig. Beisst sich da die Katze in den Schwanz oder ist das Schwarzmalerei?

- Ich glaube, daß das Publikum ein originäres Interesse daran hat, den Autor zu sehen, kennenzulernen, vielleicht mit ihm im Anschluß an die Lesung ein kurzes Gespräch zu führen. Und ich glaube, daß die meisten Autoren ein Interesse daran haben, mit ihrem Publikum in Kontakt zu kommen. Ich persönlich finde "Live-Auftritte" sehr spannend.
Aber die Institution "Autorenlesung" krankt an verschiedenen Dingen: Erstens an der Hoffnung der Veranstalter, daß Lesungen Geld einbringen. Das kann man vergessen. Wer als Veranstalter hofft, zur Lesung eines mäßig bekannten Autoren mehr als 30 Zuhörer anziehen zu können, täuscht sich in der Regel. Lesungen dieser Art sind für Bibliotheken, Volkshochschulen, Buchhandlungen etc. Mittel zur Kundenbindung und zur Lieferantenförderung, eventuell fällt durch Berichte in der Lokalpresse auch noch ein Werbeeffekt für den Veranstalter ab. Rein betriebswirtschaftlich gesehen sind sie in den allermeisten Fällen ein Zuschussgeschäft. Ich bin nicht der Meinung, daß dies die Honorare der Autoren schmälern sollte. Entweder sieht man auch einmal über den betriebswirtschaftlichen Tellerrand hinaus, oder man läßt es bleiben. Vielleicht sollte auch noch erwähnt werden, daß sich manche Veranstalter mit der Präsentation ihrer Lesungen gelinde gesagt ungeschickt anstellen. Das nur am Rande.
Das zweite Problem mit Lesungen ist die Tatsache, daß sie in Deutschland immer noch als eine Art säkularer Gottesdienst gelten. Das ist Scheiße, mit Verlaub gesagt. Ich bin kein Anhänger der Eventkultur. Vor allem öden mich die Raketen-, Roboter-, und Planetendekorationen an, die Science Fiction-Lesungen so oft begleiten, und ich könnte auf müde Scherze wie die Verabreichung "pangalaktischer Donnergurgler" im Anschluß an Lesungen gerne verzichten. Aber daß hierzulande bei Autorenlesungen die Leute stocksteif, verschüchtert und mit angehaltenem Atem auf ihren Stühlen sitzen, während vorne Moses predigt, müßte auch nicht sein. Bei einer Lesung des Dichters Oskar Pastior, der sehr eigenwillige und sehr komische Gedichte schreibt, bin ich einmal ausgezischt worden, weil ich als einziger zu lachen wagte. Das ist doch keine literarische Weihehandlung! Entspannt euch, Leute! Jemand liest aus seinen Arbeiten, und er konzentriert sich dabei, weil es verdammt harte Arbeit sein kann, aber das ist doch noch lange kein Grund für Zuhörer, sich wie in einer Kirchenbank aufzuführen. Und die Kehrseite der ganzen Heiligkeit ist ja offensichtlich: Alle machen ein ergriffenes Gesicht, und hoffen, daß es bald vorbei ist, damit sie sich wieder wie Menschen benehmen dürfen.
Das dritte Problem bei Lesungen ist die mangelnde Vortragstechnik der Autoren. Es muß einmal ganz klar gesagt werden: Die Mehrzahl der Autoren liest ihre Texte schlecht vor. Was soll das eigentlich sein, wenn sich einer besoffen hinsetzt, mit grauen Haarfransen vor dem Gesicht, und ohne Blickkontakt zum Publikum einen Text herunterleiert, in dem anscheinend weder Höhe- noch Tiefpunkte und auch keine Satzzeichen vorhanden sind? Zugegeben: Das ist ein Extrembeispiel. Aber ich erlebe immer wieder, daß es einfach an der elementarsten Höflichkeit gegenüber dem Publikum mangelt. Diese Leute sind gekommen, um sich eine Geschichte, Gedichte oder andere Texte anzuhören. Sie könnten eine Unzahl anderer kultureller Angebote wahrnehmen, aber nein: Sie wollen Literatur hören. Und der Autor hat die Pflicht, seinen Zuhörern einen halbwegs sauberen Vortrag anzubieten. Nicht jeder ist ein so begnadeter Entertainer wie Harry Rowohlt, aber gewisse einfache Grundregeln kann man lernen (z.B. bei bestimmten Seminaren des Förderkreises dt. Schriftsteller, bei Volkshochschulen, in Rhetorikseminaren und -kursen, etc.) Wer das nicht will, sollte sich fragen, warum er seine Texte unbedingt öffentlich vortragen muß.

Noch eine persönliche Frage. Für welche kulturellen Interessen finden Sie sonst noch Zeit. Gibt es persönliche Favoriten bei Filmen, Musik o.ä.

- Die volle Liste wäre wieder zu lang. Im Moment begleitet mich Musik von Dido, Aimee Mann, Forma Tadre und Kruder & Dorffmeister. Ins Kino gehe ich für meinen Geschmack zu selten. Der letzte Film, der mich wirklich berührt hat, war "Dancer in the Dark" mit Björk.

Ihre ersten drei Science Fiction-Bücher wurden von Suhrkamp verlegt. Heyne hat auch eine der bei schon bei Suhrkamp erschienen Erzählungen veröffentlicht. "Der Opal" ist beim Argument Verlag erschienen und auch Ihr neues Buch, "Der Zensor" ist dort angekündigt. Welche Gründe hatte der Verlagswechsel?

- Der Suhrkamp Verlag ist ein großer Verlag und hat einen klangvollen Namen. In vieler Hinsicht ist er noch immer DER deutsche Verlag, und das hat Gründe: Alle vier "Mainstream"-Autoren, die ich in der Antwort auf Ihre erste Frage benannt habe, sind Suhrkamp-Autoren gewesen. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß Suhrkamp buchstäblich auf Dutzende von Autoren dieses Kalibers aus dem In- und Ausland zurückgreifen kann, wird einem bewußt, daß dieser Verlag ein unglaubliches Reservoir an schriftstellerischer Kompetenz angesammelt hat. In der Eingangshalle des Verlagsgebäudes hängen die Porträts von - grob geschätzt - fünfzig Autoren und Autorinnen des Verlags, und von allen sollte ein ernsthafter Leser mindestens ein Buch gelesen haben. Ich würde bezweifeln, daß es viele Verlage auf dieser Welt gibt, die etwa ähnliches zu bieten haben.
Leider hat dieser überaus beeindruckende Tempel des Geistes auch seine Schmuddelecken, und die Phantastische Bibliothek gehört ganz bestimmt dazu. Man muß wissen, daß die Phantastische Bibliothek bereits auf dem absteigenden Ast war, als ich 1994/95 zu Suhrkamp kam. Es war schon länger unklar, welchen Stellenwert sie im Gesamtprogramm einnehmen sollte und ob sie überhaupt einen sicheren Platz darin hatte, und das wurde über die Jahre nicht besser. Ich bekam mehr und mehr den Eindruck, daß die Phantastische Bibliothek das ungeliebte Stiefkind eines großen Verlages war, der für Phantastik im Grunde keinen Platz hatte. Man kann nicht sagen, daß meine Zusammenarbeit mit dem Verlag ohne Ergebnis geblieben wäre. Er hat drei Bücher von mir gebracht, und mit einem davon (Wind) habe ich immerhin den Thaddäus Troll-Preis geholt, für einen Science Fiction-Titel keine Selbstverständlichkeit. Auch "Der Opal" sollte eigentlich noch bei Suhrkamp erscheinen, aber ich merkte während der überaus zähen Vertragsverhandlungen, daß ich einen Neuanfang wollte. Man löst sich von einem Verlag wie Suhrkamp nicht ohne Bedauern. Aber ich hatte dort keine Perspektive.
Ich weiß nicht, was derzeit in Frankfurt zur Phantastik geplant wird, aber die Phantastische Bibliothek macht den Eindruck, als befinde sie sich in einem tiefen Winterschlaf. Ich habe bisher noch nicht gehört, daß sie offiziell eingestellt worden ist, aber de facto scheint das bereits der Fall zu sein.
"Der Opal" verkauft sich übrigens besser als jedes meiner Suhrkamp-Bücher.

Sie zitieren in Ihren Geschichten gerne andere Autoren. In der in "Der Glasmensch" veröffentlichten Erzählung "Die Sonde" lassen Sie die Hauptfigur z.B. einem Roboter den Namen "Marvin" geben, nach Douglas Adams in "Per Anahlter durch die Galaxis"und erinnert z.T. an Philip K. Dicks "Total Recall". "Target" enthält deutliche Anspielungen auf "Solaris" von Stanislaw Lem. Für Leser dieser Art von Science Fiction ist dieses auch sonst in der Literatur beliebte Wiedererkennen eine unterhaltsame Sache. Können Sie dem neugierigen Leser noch weitere Anspielungen nennen? Oder wird da wegen einiger solcher Zitate gerne überinterpretiert und immer und überall unnötigerweise solche vermutet?

- Spontan fallen mir Dinge ein, die selten bis gar nicht von den Lesern und den Rezensenten vermerkt wurden: "Target" zitiert natürlich "Solaris" von Stansilaw Lem, es rekurriert in einigen Sätzen aber auch auf "Picknick am Wegesrand" von den Strugatzkis, und das recht deutlich. Das ist einer der Gründe, weswegen es mich immer noch freut, daß in der Suhrkamp-Buchkassette "Die andere Zukunft" "Target" mit "Picknick am Wegesrand" vereint ist.
Die Romane "Target" und "Der Opal" sind jeweils um einen zentralen Begriff herumgebaut. Bei "Target" ist das "Ehre", bei "Der Opal" "Treue". Die beiden Begriffen sind in den Romanen Musterbeispiele für sinnentleerte moralische Haltungen, die ohne Rücksicht auf Verluste aufrechterhalten werden. Das Raumschiff, das die Expedition auf Target absetzt, heißt "Synalpheus". "Synalpheus regalis" ist eine staatenbildende Garnele. Überhaupt neige ich dazu, meinen Raumschiffen Namen aus der klassischen Antike oder der Wissenschaftssprache zu geben: "Ajax" (ein sagenhafter Held und natürlich ein Putzmittel, aber ich meinte den Helden) , "Tryptophan" (eine Aminosäure), "Glaucopsyche" (eine Schmetterlingsgattung), "Echo" (eine Nymphe in der griechischen Sagenwelt und ein nach ihr benanntes akustisches Phänomen, und hier meinte ich beides). Eine resthumanistische Schulbildung hinterläßt ihre Spuren.
In "Der Zensor" werden die Anspielungen nicht so leicht zu entschlüsseln sein, denn sie beziehen sich oft auf die Kultur und Sagenwelt der klassischen Maya-Indianer. Ich bin gespannt darauf, wie das von den Lesern aufgenommen wird.

Die klassische Frage an einen Science Fiction-Autor: Welchen Grund vermuten Sie, dass sich die SF trotz großer Experimentierfreudigkeit bei Themen und Texten in der öffentlichen Literaturszene praktisch nicht bemerkt wird?

- Ich habe aufgehört, darüber nachzudenken. Der Kritiker Thomas Wörtche hat in einem bemerkenswerten Artikel in der Wochenzeitung "Der Freitag" (Ausgabe 3/98) das Nötige dazu gesagt.

Gibt es Kritiker, die SF sehr wohl lesen, aber sich nicht öffentlich darüber äußern?

- Man hört so Gerüchte. Ich erinnere mich an einen Artikel in der "taz", in dem von einem SF-Con oder einem literaturwissenschaftlichen Kongreß zur SF oder etwas dergleichen berichtet wurde. Angeblich waren einige Heroen der ernsten Literatur anwesend, legten aber Wert darauf, nicht namentlich genannt zu werden. Sie zeigten also in etwa das Verhalten von Jugendlichen, die beim Onanieren erwischt worden sind.

Haben da die in der Öffentlichkeit stark präsenten TV-Endlosserien Enterprise & Co oder Romanheftreihen wie Perry Rhodan den Ruf derartig nachhaltig geschädigt?

- Ja. Eine anderes Problem ist die infernalische Dummheit des deutschen Kulturbetriebs.

Auf der anderen Seite gibt es in der mit Science Fiction verwandten Fantasy kaum Gesellschaftskritik auf dem gleichen Niveau. Auch stilistische Experimente sind dort kaum zu finden. Sind die beiden Genres doch unterschiedlicher, als es auf den ersten Blick erscheint.

- Auch darüber denke ich nicht mehr nach. Fakt ist: Es gibt nur wenige gelungene Mischungen aus beiden Genres. "Otherland" von Tad Williams mag ein Beispiel sein (obwohl mich der letzte Band enttäuscht hat), die "Nomen-Trilogie" von Terry Pratchett ein anderes. Und Fakt ist: wer Fantasy mag, mag oft SF nicht, und umgekehrt. Meine Sympathien sind in dieser Hinsicht ebenfalls recht eindeutig: Den x-ten Aufguß vom "Herrn der Ringe" schaue ich mir nicht mehr an (obwohl "Der Herr der Ringe" ein in vieler Hinsicht unglaubliches Buch ist).

Zum Abschluss eine Frage zu Ihrem demnächst erscheinenden Buch "Der Zensor": Könnten Sie Ihren Lesern etwas dazu schreiben, um den Appetit anzuregen?

- Der Küchenchef empfiehlt: "Der Zensor". Irgendwann im 21. Jhdt. kommt es zu einer Renaissance der Mayakultur. Die Maya werden mächtig genug, um Spanien zu erobern, die Heimat ihrer einstigen Unterdrücker seit dem 16. Jhdt. Mithilfe ihrer überlegenen Nanotechnologie üben die Maya sehr bald die absolute Oberherrschaft über Spanien und große Teile Europas aus. Der Roman spielt im Sommer 2136, zu einem Zeitpunkt, da die Macht der Maya schon wieder auf einem absteigenden Ast ist. Die destruktiven inneren Tendenzen in den Mayastädten kombinieren sich mit dem Widerstand der spanischen Bevölkerung und der Opposition der immer noch mächtigen katholischen Kirche zu einer explosiven Mischung, die die Stabilität der Mayaherrschaft bedroht. Yaqui, der mächtige Chef des zivilen Geheimdiensts von Nanotikal, entdeckt am 12. Juni 2136 (oder, im Mayakalender am Tag 13.6.5.4.17 4 Kaban 0 Xul Nachtgott 7) eine verschlüsselte E-Mail-Nachricht von einem Maya-Adligen an einen anderen. Yaqui ahnt noch nicht, daß er auf die ersten Ausläufer einer Entwicklung gestoßen ist, die zu seiner Degradierung und zur kompletten Entfremdung von seiner eigenen Kultur führen wird. Während er dieser Sache auf den Grund geht, und dabei ein Spinnennetz von Verschwörern enttarnt, beobachten wir den Guerilla-Kommandanten Enrique dabei, wie er sich in seinem eigenen Netz verheddert. Nach einem erfolgreichen Bombenanschlag auf eine Wasserpipeline der Mayas wird ihm eine seltsam subalterne Mission zugeschustert: Er soll einen ihm unbekannten Gegenstand von Nadz Caan nach Nanotikal bringen. Er weiß nicht, was er da transportieren soll, aber die eigenartigen Umstände beim Empfang der Ware stacheln seine Neugier an. Als er herausfindet, worum es tatsächlich geht, sind zwei Dinge gewiß: Seine eigene Guerilla-Organisation, die FPLE, hat ihn verraten, und die Welt, wie er sie kennt, wird nicht mehr lange existieren. Sowohl Yaqui als auch Enrique geraten in den Würgegriff der Gesellschaften und Kulturen, für die sie leben und kämpfen. Als sie sich begegnen, sind sie schlau genug, ihre gemeinsamen Interessen zu erkennen.
Ich hoffe, es wird munden.

Herzlichen Dank und viel Erfolg bei zukünftigen Projekten!

Von Alfred Ohswald

 

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