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Gernot Wagner, 1980 in Amstetten, Niederösterreich,
geboren, maturierte am BG Amstetten ehe er einen Abstecher
nach Amerika wagte und seitdem nicht mehr loskam. 2002
schloss er sein Ökologie und Ökonomie Studium an der Harvard
Universität ab, ein Jahr danach sein Ökonomie Studium
an der Stanford Universität und mittlerweile ist er wieder
zurück an Harvard für sein Doktoratsstudium. Seine Forschung
beschäftigt sich mit Umwelt- und Entwicklungspolitik.
Seit 2002 ist er glücklich verheiratet und lebt in Cambridge/USA.
Herr Wagner, wie kam es, dass Sie den
Nachfolger "Der Rest der Welt" zu Markus Hubers und Robert
Treichlers "Keiner ist so toll wie wir" schrieben. Trat
man an Sie heran oder ging die Initiative von Ihnen aus?
Während unserer Hochzeitsreise mit Rad und
Bahn durch Österreich stieß ich auf "Keiner ist so toll
wie wir". Ich fand das Buch zum Abkugeln: ein Reiseführer
für Daheimbleiber, einfach genial. Das schrieb ich in
einer E-Mail an die beiden Verfasser und schlug ihnen
Band 2 vor, eben über den Rest der Welt.
Nachdem ich zwei Monate lang nichts gehört
hatte und die Sache schon fast wieder vergessen hätte,
dachte ich mir, warum sollte ich's nicht mit dem Verlag
versuchen. Mehr als ignorieren können die mich auch nicht.
Zwei Monate später bekam ich den Vertrag zugeschickt.
Kennen Sie tatsächlich alle im Buch berücksichtigten
Länder persönlich?
Vom Hörensagen, ja. Die sündteuren Forschungsreisen
habe ich mir, Google sei Dank, erspart.
In Amerika bin ich natürlich schon ziemlich
herumgekommen und es schadet auch nicht mit einer Thailänderin
verheiratet zu sein. Jedes Mal Oma besuchen geht's einmal
rund um die Welt.
Mit den USA sind Sie ja vermutlich am
besten vertraut und amerikakritische Bücher liegen im
deutschsprachigen Raum ja gerade im Trend, wie Michael
Moore beweist. Ist er in den USA auch ähnlich erfolgreich?
Von der einen Hälfte wird er als Erlöser
verehrt, von der anderen als Hofverräter abgestempelt.
Aber die halbe US-Bevölkerung ist immer noch mehr als
100 Millionen Menschen, Analphabeten bereits mitgerechnet.
Bücher verkauft er also bestimmt einige.
Gerade in Ihrem speziellen Interessensgebiet
Umweltpolitik haben die USA hierzulande ja einen denkbar
schlechten Ruf. Wie sind da Ihre Erfahrungen vor Ort?
Wenn ich für eine Minute ernsthaft sein kann,
in dieser Hinsicht ist der österreichische bzw. europäische
Eindruck glücklicherweise nicht ganz richtig. Es mag zwar
kaum zu glauben sein, aber die USA waren und sind in vielen
Umweltangelegenheiten Pioniere, vor allem im Gesetzesbereich.
Natürlich, selbst Michael Moore ist auf seinen
Gasschlucker stolz und Probleme gibt's genug, aber verglichen
mit Bevölkerung und Wirtschaftsprodukt schaut es gar nicht
so viel schlechter aus als in vielen europäischen Staaten.
Sind die "working poor", Menschen mit
Arbeit, aber für das Leben zu geringem Einkommen, tatsächlich
eine wachsende Gesellschaftsgruppe in den USA?
Armut ist tatsächlich selbst - oder gerade auch
- in den USA ein Problem, wobei Armut natürlich auch sehr
relativ ist. Dass die Lebensqualität für weite Teile der
Bevölkerung in Europa um einiges besser ist als in den
USA, ist, glaube ich, kein Geheimnis. Ob die Zahl der
"working poor" steigt oder fällt, dabei muss ich ehrlich
gesagt passen. Auf alle Fälle ist sie zu hoch.
Die Opferzahlen der US-Soldaten im Irak
steigen ja fast täglich. Wie reagiert die amerikanische
Öffentlichkeit darauf?
Jeder gefallene Soldat zehrt selbstverständlich
an der Unterstützung, die viele Amerikaner für diesen
Krieg zeigen. Trotzdem verstehen auch viele, dass nicht
jeder Krieg wie jener im Kosovo sein kann, wo die NATO
unter amerikanischer Führung 1.5 Millionen ethnischen
Albanern die Rückkehr in ihre Häuser ermöglichte, ohne
Verlust eines einzigen US-Soldaten.
Ein zweites Vietnam ist dieser Krieg noch
lange nicht. Ob es ein zweites Somalia wird, ist eine
andere Frage.
Stimmt der generelle Eindruck, dass in
Europa, trotz zahlloser Vorschriften, alles doch irgendwie
funktioniert und es in Amerika umgekehrt, mit eher wenigen
Vorschriften, auch irgendwie klappt?
Derzeit steht der Laden noch. Also so schlecht
funktioniert das amerikanische Rechtssystem bestimmt nicht.
Es gibt einfach enorme kulturelle Unterschiede.
Zum Beispiel gibt es in den USA quasi keine
gesetzlich vorgeschriebenen Ladenöffnungszeiten. Es kann
sich hier auch niemand vorstellen, am Sonntag abends keinen
Liter Milch kaufen zu können. Trotzdem aber bleiben Geschäfte
am Tag der Arbeit, zu Thanksgiving, zu Weihnachten, usw.
schön brav geschlossen, ohne gesetzliches Zutun.
In Österreich kann man sich das einfach nicht
vorstellen. Da bekommt jeder schon Kaufrausch, wenn die
Geschäfte plötzlich am 8. Dezember aufsperren dürfen.
Werden Sie oft nach Kängurus gefragt?
Überhaupt noch nie.
Ja, soviel zu Vorurteilen. Manchmal verstehen
mich Leute nicht richtig wenn ich "Austria" sage und vermuten,
dass ich "Australia" meinte. Aber das passiert mir auch
nicht öfter als ein oder zweimal im Jahr.
Wäre der passende Nachfolger zu "Der Rest
der Welt" nicht ein Buch über die Sicht der verschiedenen
Länder und ihrer Einwohner auf die Österreicher? Wie sieht
es da bei den Amerikanern aus?
Ich glaube kaum, dass sich daraus ein Buch
machen ließe. Die meisten Amerikaner assoziieren mit Österreich
nicht viel mehr als Mozart und Schwarzenegger. Ein paar
Politikinteressierten ist auch noch Haider ein Begriff.
Da hört es sich aber auch schon wieder auf. Nicht einmal
Hitler schreiben sie uns zu. Von dem behaupten sie zu
wissen, dass er Deutscher war. Aber daraus ergeben sich
auch einige Vorteile für uns. Wir sind einfach viel zu
unbedeutend in der Welt, um genauso irritierend zu sein,
wie die Amerikaner.
Herzlichen Dank für das Interview! Und
weiterhin viel Erfolg!
Von Alfred
Ohswald am 11. 12. 2003
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