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Dimitré Dinev ist in Plovdiv,
der zweitgrößten Stadt im Süden Bulgariens
geboren und aufgewachsen und hat in Pasardshik das deutschsprachige
Bert-Brecht-Gymnasium besucht. Er wäre fast von dieser
Schule verwiesen worden, begann er aber auch zu dieser
Zeit zu schreiben.
1990 floh er aus der hoffnungslosen Situation, die auch
nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Bulgarien herrschte,
nach Österreich und erlebte hier ein typisches Flüchtlingsschicksal
mit dem Flüchtlingslager Traiskirchen und alle möglichen
Jobs in Wien. Schon etwas ungewöhnlicher war dabei
sein Studium der Philosophie und Russische Philologie
und das Schreiben von Drehbüchern, Stücken und
Prosa in deutscher Sprache.
Vor seinem aktuellen Roman "Engelszungen" erschienen
2000 seine Kurzgeschichte "Ein Licht über dem
Kopf" und 2001 der Erzählband "Die Inschrift".
Herr Dinev, Sie sind wie Ihre beiden
Helden Iskren und Svetljo auch in Plovdiv geboren und
aufgewachsen, also liegt der Gedanke nahe, dass Iskren
und Svetljo starke autobiographische Züge aufweisen.
Trifft das für beide zu oder mehr nur auf Svetljo,
wie Ihre Biographie vermuten lässt?
Der Verdacht, dass der Roman autobiographisch ist schmeichelt
mir, weil er beweist, dass die Figuren so glaubhaft sind,
als ob sie wirklich gelebt hätten. Ich muss aber
sagen, dass ich keiner der beiden Protagonisten bin.
Da ich aber am liebsten Orte, Ereignisse und
Zustände beschreibe, die ich kenne, wird etwas suggeriert,
das oft unter dem Begriff des Autobiographischen vereinfacht
oder mit ihm verwechselt wird. Die beiden sind Sammelbilder
von fremden und eigenen Erfahrungen, viele der Geschichten
sind echt, aber so absurd, dass ich dazu andere erfinden
musste, die viel übertriebener sind, damit zumindest
die echten glaubhaft bleiben.
Aus dem was mehrere erlitten und erlebt haben,
habe ich die zwei Protagonisten gebildet, insofern sind
sie Symbolbilder einer ganzen Generation. Symbole sind
aber oft zu abstrakt, zu allgemein und verschleiert. Deswegen
habe ich meinen Helden Namen und konkrete Schicksale gegeben.
Das Symbolische kann herrschen, aber nur das Einzelne,
das Konkrete kann Authentizität vermitteln, kann
berühren.
Haben Sie schon in Bulgarien begonnen
in deutscher Sprache zu schreiben?
Nein. In Bulgarien habe ich in Bulgarisch
geschrieben. Auf Deutsch habe ich nur meine Schulaufsätze
verfasst, was mir damals sehr viel Mühe kostete und
nicht besonders gute Noten brachte. Außerhalb der
Schule habe ich Deutsch nur auf der Schwarzmeerküste
praktiziert oder um Kontrollen der Miliz zu umgehen, indem
ich mich als Fremder ausgab. Leider nicht sehr erfolgreich.
Ihr Schreibstil, bei dem selbst tragische
Ereignisse in einem ironischen Ton erzählt werden,
erinnerte mich komischerweise zuerst an die Amerikaner
John Irving und T. C. Boyle. Hatten Sie für diese
Art des Erzählens Vorbilder oder entwickelten Sie
diesen Stil mit der Zeit selbst bewusst und unbewusst?
Es gab Zeiten, da habe ich auch anders geschrieben.
Aber eines Tages habe ich mir gesagt, ich will so schreiben,
dass ich dabei den meisten Lustgewinn habe. Ich wollte
beim Schreiben selber lachen können. Dieses Lachen,
diese Lust an Literatur wollte ich dem Leser vermitteln.
Außerdem glaube ich, dass die schrecklichsten
und grausamsten Geschichten nur durch Humor vermittelbar
sind. Sie werden erträglich, ohne dabei an Wirkung
und Ernst zu verlieren. Sie bleiben so auch länger
im Bewusstsein haften, denn man erinnert sich viel lieber
an das worüber man gelacht hat. Also habe ich mich
für diesen Stil mehr oder weniger bewusst entschieden.
Ich habe viele Vorbilder, von der Antike bis
zur heutigen Zeit, und alle haben ihre Spuren in mir hinterlassen.
Die Autoren, die ich am meisten bewundere, stammen nicht
aus Amerika sondern aus Europa, insbesondere aus Russland.
Ein Cechov, ein Dostojevski, geschweige denn ein Bulgakov,
sie sind alle sehr ironisch. Inwieweit sie aber meinen
Stil beeinflusst haben, kann ich nicht einschätzen.
Dicke Bücher sind oft bei Kritikern
nicht sonderlich beliebt, um einen deutschen "Literatur-Papst"
frei zu zitieren. Für "Engelszungen" traf
das ja nicht zu, wie die zahlreichen positiven Rezensionen
zeigten. War "Engelszungen" bewusst als ziemlicher
"Wälzer" geplant oder verlangte die zu
erzählende Geschichte im Laufe des Schreibens ganz
einfach irgendwann immer mehr Seiten?
Ich wollte immer wissen, ob ich einen Roman
im klassischen Sinne schreiben kann, ob ich die Spannung
über mehr als 200 Seiten halten, ob ich mit mehreren
Figuren und Erzählsträngen zurechtkommen kann.
Am Anfang wusste ich nicht, wieviele Seiten es sein werden.
Erst nach den ersten 100 war mir klar, dass es mindestens
600 sein würden, denn die Geschichte begann sich
irgendwann von selbst zu erzählen und sie verlangte
nach diesem Raum. Dieser Moment ist der schönste
beim Schreiben. Wenn alles planbar wäre, wäre
das Schreiben eine sehr langweilige Angelegenheit.
"Gastarbeiter" als erfolgreiche
Schriftsteller sind in Österreich, im Gegensatz zu
Deutschland, noch recht ungewohnt. Die wirtschaftlichen
Probleme machen sich ja leider auch bei den Verlagen und
Kulturförderungen bemerkbar. Glauben Sie, dass wir
unter diesen verschärften Bedingungen da in nächster
Zeit noch einige angenehme Neuentdeckungen erleben werden?
Ich hoffe es und wünsche es mir von
ganzem Herzen. Vor einiger Zeit war ich Juror bei dem
Wettbewerb "Schreiben zwischen den Kulturen"
und habe einige großartige Texte gelesen.
Abschließend natürlich
die Frage nach Ihrem nächsten Projekt, dürfen
wir uns auf einen weiteren Roman freuen?
Ich werde mir eine Zeit lang Ruhe gönnen,
bevor ich wieder einen Roman schreibe. Denn einen Roman
zu entwerfen, erwies sich als die komplexeste und anstrengendste
Tätigkeit im Bereich des Schreibens. Um mich zu erholen,
werde ich demnächst ein Theaterstück und danach
wieder Erzählungen schreiben. So gelange ich viel
schneller zu einem Erfolgserlebnis und das ist wirklich
befriedigend und sehr entspannend.
Herzlichen Dank für das Interview!
Und weiterhin viel Erfolg!
Von Alfred
Ohswald am 4. 3. 2004
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