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Davide Ferrario

Römisches Maskenspiel

Figli di Annibale

Guardami

Szene aus Guardami

Orson Welles und Lea Padovani, die beide Hauptfiguren
in Ferrarios Roman "Römisches Maskenspiel"
sind
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Davide Ferrario, geboren 1956 in (BERGAMO)
Casalmaggiore (Cremona), ....Filmjournalist, Kritiker,
Drehbuchautor und Regisseur. Er studierte englische und
amerikanische Literatur, widmete sich dann aber dem Filmemachen.
Zuerst als Drehbuchautor, später als Regisseur und Organisator
von Filmfestivals. Seine Filme wurden wiederholt bei bedeutenden
Festivals gezeigt und mehrfach ausgezeichnet. Sein letzter
Spielfilm Guardami, die Geschichte einer Pornodarstellerin,
wurde bei den Filmfestspielen von Venedig 1999 sehr heiß
diskutiert. Währenddessen schrieb er auch, meist für Filmmagazine.
Mit "Dissolvenza al nero" schrieb er seinen ersten Roman,
der jetzt vom Tiroler Haymon-Verlag unter dem Titel "Römisches
Maskenspiel" in einer Übersetzung von Moshe Kahn herausgebracht
wurde und demnächst verfilmt wird.
Filme:
Non date da mangiare agli animali (1987)
La Fine della notte (1989)
Anime fiammeggianti (1994)
Materiale resistente (1995)
Estate in città (1996, TV)
Partigiani (1997)
Tutti giù per terra (1997)
45° parallelo, Il (1997)
Figli di Annibale (1998) (Hannibals Kinder,
1998)
Loro (1998) Guardami (1999)
Pisolini Oggi: La Rabbia di Davide (2000)
Interview mit Davide Ferrario:
Signore Ferrario, ich habe mich ein wenig
mit Ihrer Karriere auseinandergesetzt und herausgefunden,
dass Sie ein erfolgreicher und weithin bekannter Regisseur
sind. Was war/ist der Grund für Ihre Betätigung als Schriftsteller?
Ist ein Grund dafür, dass Sie beim Schreiben eine größere
Entscheidungsfreiheit haben als beim Regieführen nach
einem Drehbuch, oder kehren Sie damit gewissermaßen zu
Ihrem Beruf als Journalist und Drehbuchautor zurück und
worin besteht für Sie der künstlerische Unterschied zwischen
Buch und Film?
Der Grund ist ganz einfach. 1994 wurde mir
klar, dass ich bei dem geplanten Film nicht Regie führen
konnte. Ich war ein Jahr lang frei. Seit einiger Zeit
hatte ich mich mit dem Gedanken getragen, den Welles-Roman
zu schreiben und ich erkannte, dass dies jetzt die richtige
Gelegenheit war. Ich mache nämlich nicht so einen großen
Unterschied zwischen Buch und Film, oder Dokumentationen
und Musikvideos.
Das Wesentliche für mich ist, eine Geschichte
zu erzählen, bzw. ein Gefühl zu vermitteln. Natürlich
sind die Mittel dazu sehr verschieden (ich bin z.B. ein
visueller Regisseur und hasse Worte auf der Leinwand).
Das Wichtigste dabei ist, sich auf die inneren Abläufe
der Geschichte, die man erzählt, zu konzentrieren und
sie mit seiner eigenen Persönlichkeit zum Leben zu erwecken.
Ich muss aber zugeben, dass es einfacher ist,
mit dem Charakter von Orson Welles auf dem Papier umzugehen
als auf der Leinwand. Ich beneide den Regisseur nicht,
der darangeht, das Buch zu verfilmen.
Wie sehen Sie die Situation der Filmemacher
in Europa, besonders in Italien verglichen mit den USA,
abgesehen vom Geld und der Quantität, ich meine, gibt
es Ideen für Filme und gibt es Leute, die bereit sind,
diese zu finanzieren?
Zur Zeit schreibe ich für Miramax das Drehbuch
für einen Film, den ich nächstes Jahr in den USA drehen
werde, gleichzeitig bekomme ich eine Reihe von Vorschlägen
in Italien, kann aber nicht die Filme machen, die ich
wirklich möchte.
In unserem Land herrscht ein ziemlich entmutigender
Konformismus, obwohl das Publikum wieder mehr Vertrauen
in die italienischen Filme gewinnt.
Es ist nicht schwer, einen Film zu machen,
doch wagt es niemand wirklich, aus dem Schema des Verhaltens
der Mittelklasse auszubrechen. Ich halte mich weder für
einen Bilderstürmer noch einen Provokateur, doch die Art
und Weise, wie "Guardami", mein Film über das Leben einer
Pornodarstellerin vor zwei Jahren in Venedig aufgenommen
wurde, hat mich sehr betrübt.
Deshalb arbeite ich lieber mit den Amerikanern,
obwohl ich mir der damit verbundenen Risken bewusst bin.
Wie sollte ich auch nicht, nachdem ich soviel über die
ständigen Zusammenstöße von Welles mit Hollywood gelesen
habe?
Zurück zu Ihrem Buch. "Römisches Maskenspiel"
(Orig. Dissolvenza al nero)" ist eine sehr realistische
Darstellung und erforderte sicher einen großen Aufwand
an Recherchen. War es sehr schwierig für Sie, die richtigen
Institutionen und Leute ausfindig zu machen, um an all
die Informationen heranzukommen (ich meine abgesehen von
der Knochenarbeit und dem Zeitaufwand) und so viele Fakten
zu recherchieren, vor allem die Aktionen der Mafia und
der Regierungsbehörden und wie haben Sie so enge Verbindungen
zu Personen und Akten zur Beweisführung gefunden?
Es war alles vorhanden. Ich meine, da ist
nichts in dem Buch, dass irgendein anderer Gelehrter oder
Schriftsteller zu einer bestimmten Zeit nachgewiesen hat.
Hauptsächlich war meine Arbeit die Stücke des Puzzles
zu nehmen und ihnen eine Form zu geben, unter Verwendung
von Welles und seinen Freund Moravia (der grundsätzlich
der einzige komplette erfundene Charakter der Geschichte
ist) als roten Faden.
Das Nachkriegs-Italien war ein unglaublicher
Schauplatz, aber in gewisser Weise war es vereinnahmt
vom Image des Neorealismus. Dafür war es auch der Beginn
des "Dolce Vita", einer Zeit der Kontraste.
Sie sehen, Historiker, die die Wahrheiten
über die Politik dieses Zeitabschnittes ausgruben, waren
niemals an den weniger ernsten Angelegenheiten, wie das
Liebesleben von Filmstars, interessiert. Tatsächlich war
dies aber eines der großen Themen des Tages. In Italien
gab es Dutzende und Aberdutzende von Zeitschriften darüber.
So überprüfte ich beide Quellen, ernste und banale, und
fasste sie in einer Detektivgeschichte zusammen.
Nehmen wir, zum Beispiel, das Dinner zwischen
Welles und Togliatti, dem Führer der Kommunistischen Partei.
Eine wirklich seltsame Begebenheit. Beweise dafür fand
ich sowohl in den FBI-Akten als auch in den Klatschspalten
der italienischen Tageszeitungen: natürlich aus verschiedenen
Blickwinkeln. Das ist vermutlich der Grund warum das Buch
sehr "echt" wirkt.
Das größte Lob erhielt ich durch die Zustimmung
von den Leuten, die zu jener Zeit jung waren und mir bestätigten
"Ja, genauso war es".
Waren Ihre Recherchen einfach oder sind
Sie gelegentlich auf Widerstand gestoßen, wenn Sie nach
Geschichten über die Nachkriegszeit fragten?
Der Fall liegt ein bisschen anders. Das
Problem besteht darin, dass die in dem Buch beschriebenen
Tatsachen heute nicht mehr als störend empfunden werden.
Ich dachte, dass es eine große Diskussion auslösen würde
wenn ich schreibe, dass die Amerikaner im Falle eins kommunistischen
Sieges einen Staatsstreich in Italien geplant hatten.
Zu meiner Überraschung wurde dies allgemein (auch von
Kritikern des rechten Flügels) als Tatsache akzeptiert,
die jedoch der Vergangenheit angehört. Dies war mein genereller
Eindruck bei meinen Nachforschungen. "Oh ja, es war furchtbar.
Aber es ist so lange her...."
Für mich eigentlich ziemlich erschreckend.
Es gab aber auch einige Fälle absoluter Zurückweisung.
Als ich mich bei der Argentinischen Botschaft um Informationen
nach der tatsächlichen Person, auf der Michael Akian basiert,
erkundigte, kontaktierten sie Buenos Aires und antworteten
mir dann sehr höflich: "Vergessen Sie es".
Signore Ferrario, Sie kennen Italien und
die USA sehr gut. Wie denken Sie heute, in der jetzigen
Zeit, über diese beiden Länder?
Um ehrlich zu sein denke ich, dass es den
typischen italienischen Charakter nicht mehr gibt. Das
schlimmste Beispiel für die Amerikanisierung der westlichen
Welt findet man in Italien. Die junge Generation hat keine
Ahnung mehr davon, was wir einmal waren und gibt sich
damit zufrieden, eine Art "2. Wahl Amerikaner" zu sein.
Das Komische daran ist, dass die Ausländer
immer noch glauben wir leben in der Zeit von Anna Magnani
und die italienischen Filme, die im Ausland Erfolge wurden,
handeln alle über diese Zeit.
Sie sagen, dass Ihr Buch teilweise ein
Roman ist, aber viele Begebenheiten und Personen echt
sind. War es Ihr Anreiz, dieses Buch zu schreiben, um
dem Leser und der Welt die hässlichen Machenschaften der
Nachkriegszeit in Italien vor Augen zu führen, oder war
einfach die ausgezeichnete Idee der Geschichte eine Herausforderung
für Sie, einen Roman zu schreiben?
Sehen Sie, ich hasse Geschichten mit einer
vorfabrizierten "Demonstration". Sobald ich die Materie
und den Umfang der Arbeit verstanden hatte, setzte ich
mich hin um einen Roman über das Betrügen zu schreiben.
Die Faszination des Betrügens war der Beginn von allem.
Ich las in der Zeitung, dass während der Wahlen
von 1948, Welles in Rom "Cagliostro" drehte. Wie ich herausfand
stimmte das nicht, wie es berichtet wurde. Aber ich begann
über einen Meister-Betrüger, so wie Welles den historischen
Betrüger Cagliostro spielt, während einer Zeit einer so
unglaublichen ideologischen und politischen Täuschung
wie im Nachkriegs-Italien, nachzudenken - und das brachte
meinen Geist auf Hochtouren.
Die Grundidee von "Römisches Maskenspiel"
ist, dass die Wahrheit sinnlos ist, weil es die Leute
bevorzugen auf allen Ebenen getäuscht zu werden. Dieses
Motiv findet sich auch in der Welles-Padovani Liebesgeschichte.
Sie schreiben sehr ausführlich über den
Vatikan. Sind Sie überzeugt, dass der Vatikan wirklich
in diesem Ausmaß daran beteiligt war, so riesige Geldsummen
außer Landes zu bringen, wie Sie es in Ihrem Buch beschreiben,
oder handelt es sich hier bloß um einen interessanten,
aber frei erfundenen Punkt?
Die Vatikan-Thematik beruht größtenteils
auf Tatsachen. Auch die Geschichte von Monsignore Cippico
Pressner ist wahr, wenn ich auch zugebe, dass ich die
privateren Einzelheiten seines Sexuallebens etwas ausgeschmückt
habe. Doch war er zweifellos ein Schürzenjäger.
Was denken Sie über den Vatikan und seine
Geschäfte außerhalb der kirchlichen Aufgaben heute, mehr
als 50 Jahre danach?
Ich glaube, dass der Vatikan ein Zentrum
weltlicher Macht ist. Ich bin Atheist und will die Überzeugung
des einzelnen Gläubigen gar nicht in Frage stellen. Wenn
es für ihn stimmt, werde ich nicht versuchen ihm vom Gegenteil
zu überzeugen. Doch jede organisierte Religionsgemeinschaft,
die von sich behauptet, "ich spreche im Namen Gottes"
macht mir Angst.
Was immer sie für gute Gründe in gewissen
Fällen haben mögen, wird durch die Rolle, die der Vatikan
in der politischen (und finanziellen!) Szene spielt völlig
zerstört
Es scheint, dass Orson Welles die wichtigste
Person des Buches ist, die tragende Rolle spielt jedoch
der Privatdetektiv Tommaso Moravia. Haben Sie Ihre Ideen
hauptsächlich durch diesen Privatdetektiv realisiert?
Ja, ich glaube schon. Sehen Sie, Orson war
selbst so eine Persönlichkeit, dass es meine Hauptsorge
war, ihn niemals unter seinem Wert darzustellen. Gewissermaßen
war es schon vorgegeben und ich verwendete vieles, was
er selbst gesagt hatte.
Moravia liegt mir näher. Er empfindet die
gleiche Faszination und Ablehnung gegenüber Welles und
dem, was er repräsentiert, wie ich gegenüber den Amerikanern
und ihrer Kultur. Aber er ist ein verfluchter Mann. Er
wird nie seinen Platz in der Welt finden, weder bei den
Kommunisten noch bei den Amerikanern. Aber auch nicht
mit der Frau, mit der er davonläuft. Die Geschichte hat
schließlich für keine der Personen einen versöhnlichen
Ausgang.
Signore Ferrario, würden Sie uns etwas
über Ihre zukünftigen Projekte erzählen? Gibt es Pläne
für ein weiteres Buch und haben Sie vor, weitere Filme
zu machen?
Seit ich "Römisches Maskenspiel" geschrieben
habe, war ich als Regisseur ziemlich erfolgreich (und
ausgelastet). Ich hatte nicht die Zeit für ein weiteres
Buch. Erst jetzt beginne ich wieder darüber nachzudenken
und werde vielleicht diesen Herbst einen Roman schreiben,
bevor ich den Miramax-Film beginne.
Einmal spielte ich sogar mit dem Gedanken
Moravia für Ermittlungen im Venedig des Jahres 1944 (während
der Naziherrschaft) nochmals heranzuziehen. Wahrscheinlich
wird mein neues Buch aber völlig anders als "Römisches
Maskenspiel".
Ist es richtig, dass Oliver Parker der
Regisseur der kommenden Verfilmung von Ihrem Buch "Römisches
Maskenspiel" sein wird? Wenn ja, konnten Sie sich nicht
vorstellen diese Arbeit selbst zu übernehmen?
Und letzte Frage, werden Sie das Drehbuch
schreiben, oder ist es Ihnen lieber, die Produktion anderen
zu überlassen und sich damit zu "begnügen", das Buch geschrieben
zu haben?
Der Film von "Römisches Maskenspiel" hat
bereits eine lange Geschichte. Jetzt ist es Oliver Parker,
aber an einem gewissen Punkt war es Roman Polanksi. Ich
traf ihn und wir diskutierten seine Ideen. Ich war sehr
begeistert, aber die Produzenten, die die Rechte gekauft
hatten, stimmten nicht mit ihm überein.
Er wollte das Motiv der Nachforschungen herunterspielen
und die Komödie des Ausländers (Welles), der sich in Dinge
verstrickt, die er nicht versteht, ausbauen - ein wenig
wie "Frantic".
Dann schrieb John Sayles ein wunderbares Script,
ganz nach der Geschichte und jetzt wird Oliver Parker
einen 20 Millionen Dollar Film für Renaissance Pictures
drehen.
An einem gewissen Punkt gab es Gespräche über
meine Regie. Aber ich spüre ich habe meine Schuldigkeit
mit dem Schreiben des Buches getan. Eigentlich bin ich
sehr neugierig zu sehen, was ein anderer Regisseur tun
kann. Ich selbst verwendete Geschichten von anderen Leuten
um Filme zu machen: und ich weiß, dass das Dümmste für
einen Autor ist zu sagen: "Es ist meine Geschichte.....".
Sie ist es nicht, sobald er erste Leser das
Buch öffnet, oder der erste Zuschauer im Theater sitzt.
Vielen Dank, Signore Ferrario für das
Interview und alles Gute für die Zukunft!
Von Johann
F. Janka
Das Interview wurde in englischer
Sprache geführt und von Claudia
M. Janka ins Deutsche übersetzt. Das Originalinterview
können sie hier finden.
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