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Andreas Gruber, 1968 in Wien geboren,
lebt heute in einer kleinen Ortschaft südlich von Wien.
Er veröffentlichte bisher in erster Linie Sciencefiction-Kurzgeschichten.
Im Herbst 2001 erschien der Band "Die letzte Fahrt der
Enora Time" im Berliner Shayol-Verlag, mit sieben SF-Erzählungen.
Einige seiner Texte sind im Internet frei verfügbar.
Beim Literaturwettbewerb des NÖ Donaufestivals
1999 zählte er zu den Preisträgern. Ein Jahr später wurden
zwei seiner Erzählungen für den Kurd Laßwitz-Preis nominiert.
Sein Erzählband "Der fünfte Erzengel", mit neun Horrorstories,
erzielte den vierten Platz beim Deutschen Phantastik Preis
2001 für die beste Anthologie. 2002 erreichte er mit seiner
Kurzgeschichte "Die letzte Fahrt der ENORA TIME"
aus dem gleichnamigen
Buch den zweiten Platz hiner Michael
K. Iwoleits "Wege ins Licht" beim Deutschen
Science Fiction Preis und dritten beim Kurd-Laßwitz-Preis
in der Kategorie Beste deutschsprachige SF-Kurzgeschichte.
Gruber arbeitet halbtags im Büro und gibt
nebenbei Schreibkurse an Nachwuchsautoren.
Wie kam es, dass Sie sich auf das Genre
Phantastische Literatur konzentrieren?
In meiner Jugend habe ich die "Mark Brandis"
Weltraumpartisanen-Serie verschlungen, mich bei den Kurzgeschichten
von Stephen King gegruselt und abends, als meine Eltern
schliefen, heimlich "Raumschiff Enterprise" gesehen. Vermutlich
hat mich das geprägt.
Die Pflichtlektüren im Deutsch-Unterricht
wie Böll, Kafka und Hugo von Hofmannsthal haben mich nie
sonderlich fasziniert. Hemingway lese ich heute zwar gerne,
doch damals war mir das zu langweilig. Edgar Allan Poe
und Gespenster-Krimis waren da schon eher mein Fall.
Mit sechzehn habe ich mich statt an tiefsinniger
Lyrik, wie es in diesem Alter üblich ist, an eigenen John
Sinclair Heftromanen versucht. Die Faszination für Horror,
Thriller und Sciencefiction ist mir geblieben. Hier kann
man die eigene Fantasie wunderbar ausleben, es sind einem
keine Grenzen gesetzt.
Welche Bücher sind Ihnen in letzter Zeit
besonders positiv aufgefallen?
Spontan fallen mir Ben Bovas SF-Roman "Venus"
ein, der eine rasante Expedition zum heißen Planeten schildert,
Jean-Christophe Grangés "Die purpurnen Flüsse", der die
Verfilmung um Längen übertrifft, und "Das Haus des Daedalus"
des deutschen Autors Kai Meyer, dem mit diesem Roman ein
fantastisch guter Mystik-Thriller gelungen ist. Ansonsten
kann ich die unheimlichen Kurzgeschichten von David Morrell
nennen, die Detektiv-Krimis von Dennis Lehane und so ziemlich
alles aus der Feder von Joe R. Lansdale. Woher der Mann
die Energie und die Dynamik für seine Geschichten nimmt,
ist mir schleierhaft.
Gibt es Autoren, die Sie beim Schreiben
beeinflussen?
Im Prinzip beeinflusst alles beim Schreiben:
jeder Film, den man sieht, jedes Gespräch, das man führt
und alle Bücher und Kurzgeschichten, die man liest. Die
meisten dieser Einflüsse passieren unbewusst. Dem kann
man sich nicht entziehen. Um nur ein Beispiel zu nennen:
Monate, nachdem ich die SF-Novelle "Die letzte Fahrt der
Enora Time" zu Ende geschrieben hatte, sah ich mir wieder
einmal Ridley Scotts Filmklassiker "Alien" an, weil ich
einen Artikel darüber schrieb. Ich war wie vor den Kopf
gestoßen, als ich bemerkte, die weiße Kommandokapsel der
Nostromo sah der Kommandozentrale meiner eigenen Geschichte
erschreckend ähnlich. Ich dachte, es wäre meine Erfindung
gewesen, aber das war es nicht - so kann man sich täuschen.
Fasziniert bin ich auf jeden Fall von der
Ironie in Joe R. Lansdales Kurzgeschichten, den pointierten
Dialogen von Dennis Lehane und der rasanten Entwicklung
von Konflikt und Handlung in den Romanen von Ben Bova.
Das sind drei großartige Autoren, und wenn ich einen Einfluss
nennen müsste, dann jenen von diesen drei Schreibern.
Bisher haben Sie nur Erzählungen veröffentlicht.
Liegt ihnen diese Form besonders, oder lassen sich für
Romane dieses Genres schwerer Verlage finden?
Wer zu schreiben beginnt, sollte sich nicht
unbedingt gleich an einen Roman heranwagen. Die Struktur
eines Plots, die Entwicklung von Charakteren, das Schreiben
von Dialogen, den Aufbau von Szenen und das Arbeiten am
guten Stil lassen sich bei Kurzgeschichten besser üben.
Und Schreiben ist reine Übungssache! Einen guten Roman
aus dem Boden zu stampfen, den ein Verlag veröffentlichen
würde, ist meist eine Aufgabe von mehreren Jahren, den
schüttelt man nicht einfach aus dem Ärmel. Von daher ist
es leichter eine Kurzgeschichte in einem Magazin unterzubringen.
Ob sich keine Verlage finden lassen? Es mangelt
ja nicht an Verlagen, die gute Romane bringen möchten,
sondern eher an Autoren, die gute Romane schreiben. Mein
erster Roman aus dem Jahr ´96 ist ein Fall für den Papierschredder
- nicht zu veröffentlichen! Bei meinem zweiten SF-Roman
habe ich die Fehler des Erstlingswerks nicht mehr gemacht.
Allerdings muss der Text noch gründlich überarbeiten werden.
Das habe ich mir für 2002 vorgenommen, mal sehen ...
In Österreich gibt es ja keine bedeutenden
Verlage, die Phantastische Literatur, wie Sie sie schreiben,
veröffentlichen. War es als Österreicher schwer, in der
deutschen Szene Fuß zu fassen?
Ich würde nicht behaupten, dass die österreichische
Phantastikszene nicht existiert. Da gibt es den Carl Ueberreuter
Verlag in Wien, der einige Fantasy-Bestseller von Wolfgang
Hohlbein im Programm hat, oder den etwas kleineren Wiener
Aarachne Verlag, der Sciencefiction Romane und schräge
SF/Horror-Anthologien im Programm führt. Die Stockerauer
Edition Mono brachte die Erstlingswerke von Michael Marrak
heraus ... ja, und das war´s dann, Sie haben recht!
Als Phantastik-Autor hat man keine andere
Chance, als zu versuchen in die deutsche Szene vorzudringen,
beispielsweise mit Kurzgeschichten für die Magazine Solar-X,
Fantasia, Andromeda oder Alien Contact. Ja, und das war
mit meinen ersten Geschichten nicht so einfach! Allerdings
lag es nicht daran, dass ich Österreicher bin. Die deutsche
Phantastik-Szene darf man sich nicht als abgeschottete
elitäre Clique vorstellen, viel eher lag es daran, dass
wie zuvor erwähnt, Schreiben gelernt sein muss. Selbst
ein kleines Magazin veröffentlicht keine plumpen, holperigen
Texte. Viele Stories in den sogenannten Fanzines (Magazinen
von Hobbyautoren) haben durchaus die Qualität in der Anthologie
eines Großverlags gedruckt zu werden.
Die deutschsprachigen Magazine aus diesem
Bereich scheinen auch ihre Probleme zu haben. Alien Contact
z.B. gibts ja nicht mehr als Printausgabe sondern nur
mehr online. Und die größeren Verlage forcieren auch nicht
unbedingt deutschsprachige Phantastische Literatur.
Liegt wohl daran, dass man im Fernsehen mit
Endlos-Sciencefiction-Serien überschwemmt wird, und nur
noch wenige zum Buch greifen. Insofern ist Miss Rowling
etwas Einzigartiges gelungen: Die Jugendlichen und Erwachsenen
lesen wieder. Innerhalb von nur vier Jahren mit vier Büchern
eine Auflage von über hundertzwanzig Millionen zu schaffen,
ist gigantisch. Ich persönlich freue mich über diesen
Trend, der bestimmt eine positive Wirkung auf den Buchmarkt
hat.
Es gibt aber viele Texte dieses Genres
im Internet. Sie sind da ja auch stark vertreten. Auf
der einen Seite bietet das Internet also eine ideale Plattform
für weniger prominente Autoren. Auf der anderen Seite
bietet es vermutlich nicht die Verdienstmöglichkeiten,
wie eine Veröffentlichung bei einem Verlag. Wie schätzen
Sie diese Entwicklungen ein?
Wie schätze ich diese Entwicklung ein: Gefährlich
rasant! Schon vor vielen Jahren habe ich als Besucher
auf Buchmessen und SF-Conventions immer wieder die gleiche
Frage gestellt: Wie lange wird es das gedruckte Buch noch
geben? Alle zeigten sich positiv, niemand beängstigt.
Ich war schon damals skeptisch. Meiner Meinung nach ist
es nur eine Frage der Zeit, bis das letzte gedruckte Buch
vom Markt verschwindet, ähnlich wie schon vor einem Jahrzehnt
die letzten LPs aus Vinyl von den CDs verdrängt wurden.
Was bleiben wird, sind Nostalgie-Sonderdrucke. Ich finde
diese Entwicklung traurig, weil ich gerne ein Buch aufschlage,
den Buchrücken knacken höre, das Papier rieche und Notizen
im Buch mache. Ich trage immer ein Buch mit mir herum
und lese, wo ich mich gerade befinde, in der U-Bahn, im
Park, bei MacDonald´s oder im Wartezimmer eines Arztes.
Ich finde den Gedanken schrecklich, ein ebook am Laptop
lesen zu müssen, aber die Entwicklung wird kommen, daran
gibt es nichts zu rütteln. Mein jüngstes Buch "Die letzte
Fahrt der Enora Time", ein Erzählband mit sieben SF-Kurzgeschichten,
gibt es zwar auch als ebook unter www.epilog.de/shayol/index.html
zum downloaden, ich selbst drucke mir die interessanten
Texte aus dem Internet aber meistens aus. Auf der Couch
neben dem Kamin zu lesen ist doch gemütlicher, als im
Arbeitszimmer vor der Flimmerkiste.
Zurück zu Ihrer Frage: Im Moment wird niemand
mit Internetliteratur reich, vielleicht ändert sich das
in den nächsten fünf Jahren.
Science Fiction-Autoren auf qualitativ
hohem Niveau gibt es relativ viele im deutschsprachigen
Raum. Im Bereich Horrorliteratur sind es schon deutlich
weniger. Aber bei der offensichtlich erfolgsträchtigen
Fantasy (z.B. Hohlbein) schauts diesbezüglich sehr mager
aus. Gibt es für gute Fantasy zu wenig Leser oder liegt
vielen Autoren das Genre nicht?
Oha! Fantasyleser gibt es mehr als Sciencefiction-
und Horrorleser zusammen. Doch das Genre der Fantasy bringt
es mit sich, dass ein Fantasyband, der sich diese Bezeichnung
auch wahrlich verdient, mindestens siebenhundert Seiten
dick sein muss, und eine Fantasy-Saga unter fünf Bänden,
wohl kaum der Rede wert ist. Die angloamerikanischen Autoren
haben uns diesbezüglich die Latte ziemlich hoch gelegt,
und es gibt nur wenige deutschsprachige Autoren, die da
mithalten können. Eigentlich fallen mir nur zwei ein:
Wolfgang Hohlbein und Kai Meyer, wobei es Meyer wunderbar
schafft, die historische Mystik auf deutsche und österreichische
Schauplätze zu übertragen.
Auffällig ist auch, dass bei deutschsprachigen
Autoren der Phantastischen Literatur Satire und Humor
ziemlich selten sind oder zumindest nur sehr zurückhaltend
eingesetzt werden. Zufall oder Trend?
Bedauerlich, aber es stimmt. Deutschsprachige
phantastische Literatur liest sich im Vergleich zur Angloamerikanischen
kühl, sachlich distanziert und leider oft emotionslos.
Versucht ein Autor witzig zu schreiben, wirkt es aufgesetzt
und plump. Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Ich
vermute, der Humor wurde von den Deutschen nicht gerade
erfunden. Ich selbst versuche bei meinen Texten Zynismus
und Ironie nicht zu kurz kommen zu lassen, vor allem bei
Dialogen funktioniert dieses Stilmittel recht gut. Als
großartige und witzige Dialogschreiber möchte ich noch
einmal die Amerikaner Lehane und Lansdale erwähnen. Da
können wir deutschsprachigen Autoren uns eine Scheibe
abschneiden.
In der Science Fiction gibt es ja auch
Tendenzen, Modeerscheinungen und Entwicklungen. Aliens
z.B. spielen zur Zeit selten eine wichtige Rolle bei deutschsprachigen
Autoren des Genres dafür ist der Einfluss des Cyberpunk
mit seinen düsteren Zukunftsszenarien noch immer deutlich
merkbar. Ist das eine, vielleicht unterbewusste Weiterentwicklung,
weg von der nicht erstgenommenen Schundheftliteratur?
Bestimmt! Und es wird zeitweise übertrieben.
Ich finde es traurig, dass literarisch wertvoll oft gleichgesetzt
wird mit einer qualvoll endlosen Schilderung von Verfall,
Sinnlosigkeit und dystopischer Hoffnungslosigkeit. Als
hätte irgend jemand festgelegt: Wer intellektuell schreiben
will, muss genau so etwas schreiben! Wir alle wissen,
dass es mit diesem Planeten bergab geht, in Zeiten von
Rassenhass, Terrorismus, Umweltverschmutzung, politischen
Intrigen, Müll-, Atom- und Giftgas-Skandalen, der Entwicklung
zum Polizeistaat und den Vermarktungswellen der Mega-Konzerne.
Diese Gefahren literarisch aufzuzeigen bringt nichts mehr
... im Gegenteil, die Leser stumpfen ab, genauso wie die
Fernsehzuschauer der Abendnachrichten.
Was wir brauchen, ist eine andere Art der
Literatur: Texte, die nicht bloß warnen, denn das kennen
wir ohnehin schon, sondern Texte, die aufzeigen, wie wir
aus diesem Schlamassel rausfinden. Kritik alleine ist
zu wenig - Lösungsvorschläge sind gefragt. Teilweise versuche
ich das mit meinen Texten. Ich möchte keine Stimmung der
Resignation schaffen, sondern ich stoße meine Protagonisten
in Konflikte und lasse sie daran arbeiten, diese zu meistern.
Manche versagen, aber manchen gelingt es.
Offensichtlich verkaufen sich SF-Serien
u.ä. bedeutend besser als Romane oder gar Anthologien
mit Erzählungen.
Seit Jahrzehnten jammern Verlage, dass sich
Anthologien nicht verkaufen. Schade, denn ich bin ein
Fan von Anthologien, ich sammle richtiggehend Kurzgeschichten
und habe mir selbst den Spaß erlaubt, auf meiner Webseite
einen Award für die besten Kurzgeschichten der Phantastik
zu vergeben.
Ich selbst bin kein Freund von Serien, auch
wenn ich zuvor Mark Brandis erwähnt habe, eine Buchreihe,
die ich mit Begeisterung gelesen habe. Eigenständige Romane
finde ich interessanter, denn die müssen das schaffen,
was eine ganze Serie schafft: eine dicht geschilderte
Atmosphäre, interessante Charaktere und eine spannende
Handlung ... und das, zwischen zwei Buchdeckeln. Darüber
hinaus will ich mir nicht die Zeit für eine Serie nehmen.
In meinem Regal warten im Moment an die hundertdreißig
Bücher darauf, gelesen zu werden, und am liebsten würde
ich mit jedem einzelnen gleich morgen beginnen. Aber spätestens
dann, wenn es nur noch ebooks gibt, habe ich die Zeit,
alle die Bände zu lesen.
Ist die finanzielle Versuchung für einen
Autor nicht sehr groß, den Einstieg in einer Serie zu
versuchen? Oder ist es nicht so einfach, dort reinzukommen?
Als Autor ist es kaum möglich, mit Kurzgeschichten
Geld zu verdienen. Das ist das eine Problem. Aber es ist
auch schwierig, in ein gut funktionierendes Autoren-Team
reinzukommen. Man muss schon ein routinierter Schreiber
sein, um rechtzeitig zum Abgabetermin den Text fertig
zu stellen, der sich streng an ein Serien-Exposé hält
und nicht die Handlung sämtlicher Vorgänger- und Nachfolgeromane
über den Haufen wirft.
Von Andreas Findig, einem österreichischen
Perry Rhodan Autor, weiß ich, dass er an seinem ersten
Perry-Rhodan-Heftroman sechs Wochen geschrieben hat ...
und wen wundert das? Sind doch die Exposé-Vorgaben dicker
als letztendlich der gesamte Roman.
Auch schildert der Bestsellerautor Orson Scott
Card in seinem Sachbuch "How to write Science Fiction"
wie schwierig es ist, ein Buch zu einer Serie zu verfassen.
Man kann nicht einfach ein Star Trek, Star Wars oder Aliens
Buch schreiben und hoffnungsfroh dem Verlag schicken.
Das geht schief! Zuerst muss der Vertrag ausgehandelt
werden, dann bekommt man das Exposé zugeschickt.
In Ihrem letzten Buch "Die letzte Fahrt
der Enora Time" decken Sie ein breites Spektrum innerhalb
des Genres ab. Gibt es bestimmt Themen in der SF, über
die Sie besonders gerne schreiben?
Raumschiffe faszinieren mich besonders. Die
beiden längeren Texte im Buch spielen an Bord von Patrouillenschiffen
und Raumkreuzern, und das deckt gut die Hälfte des Bandes
ab.
Besonders fesselt mich auch die Kombination
von Horror mit Sciencefiction - was die Zukunft bringt,
muss schon auch ein bisschen unheimlich und gefährlich
sein, ansonsten wäre sie unrealistisch. Nicht zuletzt
finde ich auch moderne Technologien wie Genetik, Neurochips
und Biocomputer auf eine erschreckende Weise faszinierend.
Was würde passieren, wenn Menschen mit Computern verschmelzen,
intelligente Raumsonden ihren Willen durchsetzen oder
gar Menschen von Computerviren befallen werden?
Erscheint Ihnen eine oder mehrere der
sieben Geschichten in "Die letzte Fahrt der Enora Time"
als besonders gelungen? Oder lässt sich das als Autor
schwer sagen, weil jede ans Herz gewachsen ist?
Würde mir der Lektor empfehlen eine der sieben
Geschichten aus dem Buch zu nehmen, ich wüsste nicht,
welche ich "vernichten" sollte. Jeder Text ist mir ans
Herz gewachsen, ansonsten wäre er nicht geschrieben worden.
Zudem habe ich Scheuklappen und kann nicht beurteilen,
welcher Text gelungen, welcher misslungen ist. Ich kann
mich nur auf das Urteil der Leser verlassen ... und eines
habe ich gelernt: Der Leser irrt nie! Es gibt Autoren,
die behaupten, ihre Leser hätten die Geschichte nicht
kapiert. Ist das zu fassen? Eine arrogantere Haltung gibt
es wohl kaum. Der Leser kann nur das verstehen, was ihm
der Autor vermittelt, und wenn der Leser etwas nicht "kapiert",
dann hat der Autor einen Fehler begangen.
Einige meiner Texte wurden von Rezensenten
kritisiert (was deren gutes Recht ist - auch nachzulesen
auf meiner Webseite), doch was bisher immer gut abgeschnitten
hat, waren meine drei längeren Novellen. Eine ist in dem
gleichnamigen Band "Der fünfte Erzengel" zu finden, die
anderen beiden sind "Rendezvous" und die Titelgeschichte
in "Die letzte Fahrt der Enora Time". Liegt darin meine
Stärke? Ich kann es nicht beurteilen. Wenn man den Lesern
glauben darf, dann ja.
Gibt es schon Pläne für weitere Veröffentlichungen
und einen Verlag dafür?
Pläne gibt es genug, Verlag noch keinen.
Immer mehr zieht es mich weg von düsteren Erzählungen,
die meist traurig enden, hin zu rasanten Geschichten,
mit einer Spur Witz und einem Happyend. Als nächstes Buch
schwebt mir eine Storysammlung um meinen jiddischen Wiener
Privatdetektiv vor, der mit seinem homosexuellen Freund
der Wiener Polizei ins Handwerk pfuscht und mysteriöse
Kriminalfälle löst. Dabei gibt es nebst Spannung auch
viel zu lachen. Es sind fünf eigenständige Geschichten,
verknüpft mit einer Rahmenhandlung. Wie gesagt, noch kein
Verlag - zuvor müssen die Texte noch den stilistischen
Feinschliff bekommen, ehe ich das Manuskript zur Post
trage. Danach folgt, wie bereits erwähnt, mein erster
SF-Roman, der ebenfalls auf die stilistische Endkorrektur
wartet.
Und dann ist es mit meiner Schriftstellerei
hoffentlich soweit gediehen, dass ich mich auf weitere
Romane konzentrieren kann. Ausgearbeitete Exposés zu den
verschiedensten Themen liegen griffbereit in meiner Schublade,
ich muss nur die Zeit finden, die Romane zu tippen.
Sie halten ja Schreibkurse. Wo machen
Sie das und was kann man sich darunter vorstellen? Und
nicht zuletzt, was kostet es?
Ich miete einen Saal für zehn bis zwölf Personen,
meist im Bezirk Baden (NÖ), denn da habe ich nicht so
weit zu fahren. Immerhin muss ich eine Flipchart, Getränke
und Bücher mitschleppen, und manchmal sogar einen CD-Player
oder einen tragbaren Heizradiator, wenn es besonders kalt
ist. Wenn die Finger blau anlaufen, schreibt es sich nicht
so gut.
Die Workshops werden in den umliegenden Gemeindekurieren
inseriert bzw. in Literaturzeitschriften. Anfangs dachte
ich, es würden sich nur drei bis vier Personen melden,
und startete den ersten Schreibkurs als Experiment, doch
wie es scheint, gibt es mehr Leute, die schreiben lernen
wollen als Leute, die lesen.
Ein Abend mit drei Stunden kostet ATS 150,-
d.h. ein Workshop mit sechs Abenden ATS 900,- (EUR 65,-)
und für zehn Abende ATS 1.500,- (EUR 109,-). Die Kursteilnehmer
sollen in diesen Kursen die eigene Kreativität nützen
lernen, einen Einblick in die Grundlagen der Erzähltechnik
erhalten, mit Schreibspielen und handwerklichen Kniffen
den eigenen Stil entwickeln und die Texte lebendiger und
wirksamer gestalten. Anfangs sind einige Kursteilnehmer
noch erschüttert, wenn sie erkennen, wie viele Stilfehler
es gibt, dass man guten Stil mühsam Schritt für Schritt
lernen muss und eine gute Geschichte nach einem Exposé
funktioniert und nicht wild darauf runtergetippt wird.
Doch dann, wenn die einzelnen Tipps und Kniffe geübt werden,
sind sie Feuer und Flamme.
Woher glauben Sie stammt das Interesse,
schreiben lernen zu wollen?
Im Kurs kommt immer wieder eines deutlich
heraus: Die Teilnehmer sind dankbar für jeden Hinweis,
der ihnen zeigt, wie man schreibt. Ich sage nicht, dass
man es so machen muss, die Kunst ist schließlich frei
und soll es auch bleiben, doch ich zeige einen Weg, wie
man es machen kann, wie man eine Geschichte verbessern
könnte, wie man mehr aus einem Text herausholt.
In Österreich sind solche Kurse rar. Meist
wird nur im Kaffeehaus gesessen und über den Sinn des
Wortes philosophiert. Den österreichischen Autoren mangelt
es meiner Meinung nach an der Selbstüberwindung, schreiben
zu unterrichten. Sie wollen sich nicht durch Regeln oder
ein Handwerk einengen lassen. Sie müssen kreativ und künstlerisch
bleiben, und übertreiben es, sodass ihre Experimentaltexte
unlesbar bleiben. Da wundert es mich nicht, wenn die Leser
den Text nicht "kapieren". Da haben uns die deutschen
Autoren etwas voraus. Seit Jahren gibt es u.a. in Wolfenbüttel
(Norddeutschland) regelmäßig Schreibworkshops, wo Profiautoren
den Nachwuchs unterrichten. In den USA ist das seit vierzig
Jahren gang und gäbe. Die Deutschen haben dieses Handwerk
übernommen und lehren es. Die österreichischen Autoren
sind sich scheinbar zu gut für so etwas. Aber der Durst,
das Handwerk Schreiben zu erlernen ist da, ich merke es
im Kurs ... vielleicht deshalb, weil in Österreich zu
wenig Workshops angeboten werden.
Es genügt nicht, dass Literatur stilistisch
gut geschrieben ist. Sie muss auch zupacken! Das versuche
ich im Kurs zu vermitteln.
Herzlichen Dank und viel Erfolg bei zukünftigen Projekten!
Von Alfred
Ohswald
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